Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1892

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nichts Neues mehr bietet, wo der Gegenstand nichts mehr hinzuzulernen
bietet, und dann beginnt ihm das Bild langweilig zu werden. So
steigt und sinkt cs in seiner Anerkennung.

Wir haben also zwei verschiedene Gesetze. Das eine beruht auf
der Freude des Aneignens, durch welches uns die Dinge schön erscheinen,
und das andere auf der Formenmüdigkcit. Und diese beiden Gesetze
bestimmen unsere Stellung zu den Stilen. Kräftige Naturen nehmen
den künstlerischen Sinn des sich ihnen bietenden Neuen immer voll in
sich auf, tragen ihn lange in sich herum und geben erst spät und schwer
den Schönheitsbegriff auf. Sie verharren entschieden in der ihnen
eigenthümlich gewordenen Formensprache, ksat die Fornienmüdigkeit
aber sie ergriffen, dann tritt eine entschiedene Reaktion ein, so daß sie
einen Haß gegen das bekommen, was sie früher als schön empfanden.

In der Musik beispielsweise hat ein Mann, wie Wagner, der
Welt eine Musik vorgeführt, die er selbst Zukunftsmusik nannte. Das
heißt, er sagte: „Diese Musik, die Luch heute häßlich erscheint, werde
ich Luch derart aufzwingen, daß sie Luch später als schön erscheinen
wird!" Die Welt hat ihn erst verlacht, durch ganz Luropa ging die
größte Heiterkeit. Wagner aber hat den Muth und die Kraft besessen,
bei seiner Meinung zu bleiben und hat noch während seiner Lebenszeit
den wunderbaren Wechsel erlebt, daß das, was inan als Dissonanzen
verhöhnte, heute von der Mehrzahl der Musiker als das eigentlich
Schöne in der Musik bezeichnet wird. So hat hier ein einzelner Mann
die Welt auf Knnstforinen mit solcher Kraft hingcwiesen, daß sie eifrig
diese zu erkennen strebte und hierbei sie unversehens lieb gewann, für
schön erklärte. Wir sahen vorher, daß Niemand aus seiner Haut
herauskam, ein antiker Grieche oder Römer werden kann, sondern ein
moderner Mensch, sein Ich bleiben muß. Lr wird aber nur dann ein
Führer seines Volkes und seiner Zeit, nur dann selbständig werden,
wenn er das Hauptgewicht auf seine Persönlichkeit legt, sein Empfinden
in den Vordergrund rückt. Wir haben in neuerer Zeit eine Reihe
von Männern, welche bewußt oder unbewußt gewohnt waren, nhrer
eigenen Persönlichkeit zu leben, nicht das Gesetz im allgemeinen, sondern
nur jenes Gesetz, welches ein sittlicher, künstlerisch empfindender Mensch
in sich selbst trägt, zur Richtschnur ihres Schaffens zu machen. Solche
Männer sind früher verlacht worden. Ls ist einer unter ihnen, der,
ich bin fest überzeugt, wenn noch ;oo Jahre vorübergegangen fein
werden, als der erste deutsche Künstler seiner Zeit genannt werden
wird, nämlich der längst verstorbene Maler Rethel. während Alles,
was gleichzeitig geschaffen worden ist, was damals himmelhoch über
Rethel gestellt worden ist, während Kanlbach, selbst Lornelius, die
ganze Düsseldorfer Schule aus dem lebendigen Besitz der Welt ver-
schwunden ist, stehen viele Rethel'sche Kunstwerke noch hoch, ebenso
hoch wie sie am ersten Tage gestanden und werden noch heute in
gleicher weise gewürdigt: Blätter, die um wenige Pfennige zu haben
sind, die die Nation erst später erkennen und schätzen wird und von
denen sie einschen wird, daß wir in ihm einen so starken Mann be-
sessen haben, wie Dürer einer gewesen ist. Dann Menzel in Berlin,
ein Mann, der in den 30 er und ^oer Jahren zu kämpfe» angefangcn
hat, der verlacht worden ist, weil er kein Schönheitsgefühl besessen
habe und der es durch sein stilles, stetiges Wirken, durch seine Treue
gegen sich selbst dahin gebracht hat, daß er heute einer der gefeiertsten
Künstler Deutschlands geworden ist. Sein Werth liegt darin, daß er
nicht fremden Idealen nachstrebte, daß er nicht glaubte, die Antike oder
ein anderer Stil könnte ihm Vorbild oder Muster sei», daß er nur
das gab, was er aus feinem Innersten heraus, nicht von außen hinein

erschuf. Böcklin, ein Maler, der mit einer eigenartigen Phantasie die
wunderbarsten Gebilde geschaffen hat, Gebilde, die geradezu den Spott
herausforderten und dazu geführt haben, daß er für einen Narren
erklärt worden ist — dieser Mann ist kein Realist, was jetzt als Schimpf-
wort gilt, das heißt, er malt nicht die Natur, wie er sie sieht. Dieser
Mann hat die Ligenthümlichkeit, gar keine Naturstudien zu machen,
wie andere Maler, sondern er lebt in einer eigenthümlichen Welt der
Gedanken, der Phantasie. Ls umschweben ihn in wachen Träumen
ungeheuerliche Menschen, Farben, die nur in seinem Kopfe entstanden
sind, was er macht, ist nicht Wahrheit in gewöhnlichem Sinne. Aber
es haben seine Bilder die Ligenthümlichkeit, daß man sie nie vergißt,
während man oft ganze Galerien der alten Schule durchwandern kann,
ohne daß man sich am Schluffe darüber Antwort auf die Frage zu
geben vermag: Was hast Du eigentlich gesehen?

Ls ist schmerzlich, daß diese Männer auf die kümmerlichste weise
sich durchhelfen mußten, daß sie mit Hohn überschüttet wurden, mit
dein Hohne, welcher ein Krebsschaden im Geistesleben unserer Nation
ist. Unsere Presse hat ein Kampfmittel gegen die individuelle Lnt-
faltung der Kunst, welches in unverzeihlicher Weise verwendet wird,
cs ist dies die Tadelkritik. Sie hat die durchaus unbegründete An-
inaffung, von der Kunst am allermeisten verstehen, das allein rechte
Gefühl dafür besitzen zu wollen, wie die Kunst sein soll. Der große
Kampf, den der Naturalisnius mit der Kritik jetzt durchkämpft, führt
deshalb so wenig zum verständigen Ausspruche, weil die Kritik sich
nicht entschließen kann, die gleiche Basis wie die Kunst einzunehmen,
die Natur zu studieren. Das ist die Vorbedingung jedes richtigen
Urtheiles. Der Kritiker sollte erst eine Kritik der Natur schreiben,
bevor er eine Kritik der Bilder schreibt.

Das wahre darstellen, ist Ziel des Naturalismus. Lr kann
sich daher nicht von Leuten kritisiren lassen, die nicht wissen, was wahr
ist. Das kann nur jener, der selbst Beobachtungen gemacht hat, ein
individuelles verhältniß zur Natur einnahm. Der Individualismus,
zuerst vollständig unterdrückt und gewissermaßen nur zufällig, dann
später in einzelnen Persönlichkeiten bewußt hervortretcnd, die sich durch
die Kraft ihrer Künstlerschaft Geltung zu verschaffen wußten: das ist
die Hoffnung, die man für die kommende Zeit hat; die Hoffnung,
daß man endlich aufgcben wird, vergangenen Zeiten nachzustreben,
sondern daß aus uns selbst heraus geschaffen wird. Das ist ja unendlich
viel schwieriger; es gehört vor Allem dazu, daß der, der etwas geben
will, selbst etwas ist und etwas hat, es gehört dazu volles Menschen-
thum, eine große selbständige Kraft. Wir können aber hoffen, daß
in der deutschen Nation sich diese Kräfte finden werden, können das
mit so mehr hoffen, weil gerade das Knorrige, Eigenwillige der deutschen
Nation eigenthümlich ist; können das hoffen, indem wir z. B. hinüber-
blicken nach dem stammverwandten England, in dem sich die Selbst-
ständigkeit in der Kunst in hohem Grade entwickelt hat: eine Kunst,
die den Deutschen zunächst vielfach als rein närrisch erscheint, weil sie
so individuell englisch ist.

Wir wollen diesen Weg einschlagen; wir sind ans dem Weg,
dahin zu kommen, daß wir eine Kunst schaffen, die ganz aus uns
hcrausgeboren ist; ohne Vorbilder, ohne Anlehnung nach rückwärts,
geraden lvegs voraus soll die Entwicklung unserer Nationalität gehen.
Heraus aus den Rückblicken nach hinten! Wir müssen erkennen, daß
das, was vor uns gewesen ist, nur eine Stufe sein kann für das,
was kommt, daß wir bewußt fortschreiten müssen, wenn wir nicht
rückschreiten wollen.
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