Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1894

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oder „Bönhasen" nannte, mißbrauchten die Meister ihr Ver-
bietungsrecht zu förnrlichen Menschenjagden. Ohne Achtung
des Pausrechts drang man in die Mahnungen der Armen,
die sich zumeist aus bitterer Noth gezwungen sahen, die Ge-
schicklichkeit ihrer pände zu verwerthen, durchstöberte Alles,
nahm Handwerkszeug, Materiale und die fertigen Arbeiten
fort und strafte die Unglücklichen noch.an Gut, Leib und
Freiheit. Diese Hetzen auf die Parias des Zunftthums,
weiters die hohen Niederlassungsgebühren, die kostspieligen
Meisterprüfungen und hundert andere Schranken gegen jeden
Zuzug, welche Tausende von Männern zur Unselbständigkeit,
zum außerehelicheu Leben, zur Landstreicherei und oft zum
verbrechen brachten, werfen ein bezeichnendes Licht auf den
inhumanen Geist des Zunftzwanges. Aber die Zünfte er-
reichten auch nicht, was ihre drakonischen Gesetze anstrebten.
Auch aus jener nur einseitig „guten" alten Zeit des Gewerbes
ertönen fast wörtlich die Magen über erdrückende Aonkurrenz,
leichtsinniges Sichherandrängen zur Meisterschaft, Pfuscherei
und Schleuderarbeit, die heute an der Tagesordnung sind,
trotz des Befähigungsnachweises. Sebastian B r a n t, der treueste
Sittenschilderer des (5. und (6. Jahrhunderts, seufzt:

„Kein Handwerk steht mehr in seinem Werth,

Ls ist Alles übervoll und beschwert.

Jeder Knecht Meister werden will;

Deß' sind in allem Handwerk viel.

Mancher zur Meisterschaft sich kehrt,

Den nie das Handwerk ward gelehrt.

Liner dem Andern nimmt das Brot
Und bringt sich selbst damit in Noth.

Man sudelt jetzt in allen Ding',

Daß man sie geben kann gering." 1)

-) Diese Stelle findet sich in dem „Lin gesellenschiff" betitelten,
^8. Kapitel von Brants „Narrenschiff" und lautet im Griginal (nach
Goedeke's Ausgabe) so:

„kein hantwerk stat me in sim wärt

es ist als überleit, beschwärt;

jeder knecht Meister werden wil;

des sint ietz aller hantwerk vil.

mancher zu Meisterschaft sich kert,

der nie das Handwerk hat gelert.

einer dem andern werkt zu leid

und tribt sich selbs dick über d'heid ...

dan man hien sudelt ietz all ding,

das man sie geben mög gering." A. d. V.

Das klingt wie eine der üblichen Ieremiaden auf gewerbe-
freiheitsfeindlichen pandwerkertagen, und das Titat zeigt
jedenfalls, daß die Zustände in der Nähe anders aussahen,
als sie unsere in's Mittelalter verliebten Tulturhistoriksr
gerne darstellen.

Jene Epoche der bürgerlichen Städtemacht und Gewerbe-
blüthe war nicht die gute alte Zeit des Handwerks, sondern
nur — und dies nicht allzu lange — die alte Zeit des
guten Handwerks. Der Arieg der 30 Jahre, der wie ein
Feuerbrand der Hölle mit einer gewaltigen Lohe alle Tultur-
spuren versegte und wie das Land, so auch das Geistesleben
der Deutschen als Wüstenei, als Leichen- und Trümmerfeld
zurückließ, degenerirte die Menschheit, verschüttete den Wohl-
stand und erstickte in den stumpfen und dumpfen Seelen jedes
Runstgefühl, jede freie, schöpferische Regung für lange hinaus.
Als der Wohlstand wieder wuchs, schlich über den Rhein
der französische Einfluß herüber, führte eine Epoche der Stil-
losigkeit und vollständigen Anarchie im Reiche des Geschmacks
herbei und ließ das deutsche Aunstgewerbe nicht zur früheren
Selbständigkeit und Eigenthümlichkeit gelangen. Nun scheint
es aber anders, herrlich anders werden zu wollen. Zn
tausend Reimen regt sich die von Wiener und Münchener
Aunsthistorikern ausgestreute Saat, und auf vielen Gewerbe-
gebieten trägt die Reform, welche, von Vereinen wie der
Bayerische Aunstgewerbeverein ausgehend, die Wiedergeburt,
die Renaissance des deutschen Runsthandwerks zum Ziele hat,
schon merkliche Früchte. Die Münchener (876er Aunst
gewerbe-Ausstellung ließ die Hoffnung auf diese Wieder-
geburt des nationalen deutschen Aunsthandwerks schon
erstehen, und alle folgenden Ausstellungen haben sie verstärkt.
Daß sie sich bald erfülle, nruß das Streben aller Faktoren
sein, die etwas dazu thun können. Interesse und verständniß
für künstlerisch ausgeführte Erzeugnisse des Gewerbefleißes
in weiten Gesellschaftskreisen zu wecken und zu vertiefen,
die Werthschätzung edler Gewerbearbeit zu verallgemeinern
und der großen Vergangenheit, theils nachahmend, theils
fortentwickelnd, ein entsprechendes Gegenbild in der Gegen-
wart zu schaffen, das ist die Aufgabe der Zeit, vorwärts,
nicht rückwärts! muß darum die Losung sein für unsere
und jede Generation, denn nur so handeln wir im Sinne und
Geiste der Menschheitsnatur und der Menschheitsgeschichte.


OCnferi? kunstgewerblichen (DulkenblWen.

Taf. 2{. Hochaltar in der neuen 5t. Anna-Kirche zu
München. Lntworfen von Prof. Gabr. 5 ei dl, Architekt, München.

Dieser Altar wurde, insoweit 5teinarbeit, von der Aktiengesellschaft
für Marmorindustrie Kiefer in Kiefersfelden ausgeführt, die xolirten
Theile aus Piastraccia-Marmor, die übrigen construirten Theile aus
weißem Kalkstein mit theilweiser Vergoldung (F. RadsxielerLLo.
in München). Die Altarrückwand besteht aus vergoldeten Kupferblech,
mit Halbedelsteinen reich geschmückt, gefertigt von G. Hupp (Schleiß-
heim). Die Lvangelisten wurden in Kupfer von der Galvano-
bronzenfabrik (München) hergestellt, nach Modellen von Bildhauer

Anton Pruska (München), welcher überhaupt die Modelle zu den
plastischen Theilen des Altars gefertigt hat.

Taf. 22. Schmuckbehälter (Straußenei mit Silberfassung).
Entwurf von Aug. Glaser, München.

Taf. 23. Dalmatinische Stickereien. Im Besitze von
H. L. v. Berlepsch, München. Näheres hierüber in dem Aufsatz:
Kunstgewerbliches aus Dalmatien, Schlußtheil im folgenden Heft. —
Vergleiche Tafel ;5. Darstellung in wirklicher Größe.

Taf. 2\. Möbelbeschläge. Lntwurf von p. P. Palme
in Haida (Böhmen).

hierzu „kunstgewerbliche Rundschau" Nr. 6.

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verantw. Red.: Prof. £. Gmelin. — Herausgegeben vom Bayer. Lunftgewerde-Verein. — Verlag von M. Schorß. — Druck von Lnorr Sf Birth, München.
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