Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1894

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J3. Gesticktes Leinentuch.

-kiele hellmoosgrün, kreuzförmige Blumen hellroth und schwarz, Blätter und Anospen abwechselnd hellgrün
und dunkelroth, Einfassung (Dreieck-Muster), kräftiges weinroth. halbe wirkliche Größe.

die künstlerisch so zu sagen bedeutungslos sind; der Forschungs-
drang führt jährlich die Besten hinweg nach Erdtheilen
und Ländern, deren culturelle Bedeutung weit weniger
in Betracht komint als das möglicherweise tn „künftigen,

besseren Tagen" zu erwartende Erträgniß. In
Europa selbst aber ist noch unendlich viel zu er-
forschen, was der Geschichte der menschlichen Tul-
tur weit näher liegt und was in absehbarer Zeit,
soweit es sich um formale Erscheinungen, urn
Trachten, um Hausindustrie u.s. w. handelt, mehr
und mehr verdrängt wird und schließlich ganz ver-
schwindet. Die Idee von Trachtenmuseen ist schon
vielfach in Anregung gebracht worden. Aus dem
allein schon was uns am nächsten liegt, ließe sich
des Aennenswerthen unendlich viel, manches ge-
wiß auch zur Weiterentwicklung eigener Anstreng-
ungen auf dem Gebiete der technischen Aünste ge-
winnen. Wenige Jahre erst sind verflossen, seitdem
man an verschiedenen Universitäten dem Studium
oströmischen Wesens Lehrstühle errichtet hat. Die
ganze, große slavische Welt, die unter byzan-
tinischein Einflüsse sich entwickelte, bietet auch
in Hinsicht auf das Gebiet der technischen Aünste noch ein
weites Feld, das zu bebauen sich wohl verlohnte, denn die
Aenntniß dieser Dinge ist wahrlich nicht das unwichtigste
in dem weiten Gebiete der Anthropologie.

sKnung

venarius, der treffliche Leiter dos von ihm gegründeten
„Kunstwart", brachte über dieses Thema in den letzten
Nummern des „Kunstgewerbe" einen längeren Aufsatz,
der so viel Anregendes und Interessantes enthält, daß
wir unseren Lesern wenigstens einen Auszug daraus
schuldig zu sein glauben.

„Lharakterlos ist das Gebäude, das in seiner Form gar nichts
über sich aussagt, charakter- und stillos ist jenes, das Falsches aus-
sagt, das uns belügt. Stillos ist beispielsweise das Thermometer,
das gar als eine Streitaxt, stillos, nicht nur geschmacklos, der Aschen-
becher, .der etwa als ein Mohrenkopf, den man aufklaxpen kann, ge-
bildet ist. Aber stillos sind auch die Thürkrönungen aus Stuck, die
bemalt sind, als wären sie Eichenholz, stillos die steinfarben angestrichenen
Blechkonsolen. Ist ein feinfühliger Mensch gezwungen, mit all solchem
Zeug zusammen zu wohnen, so empfindet er sie, sozusagen, als Ge-
wohnheitslügen seiner Umgebung. Line „Einrichtung" von stillosem
Kram und von „Imitationen" kann zwar dem in künstlerischen Dingen
wenig Urteilsgeübten, dessen Auge in unseren Durchschnittszimmern
abgestumpft ist, zunächst besser gefallen, als eine einfache, schlichte, aber
„echte" und in unserem Sinne stil-, d. h. lebensvolle. Aber für die
Dauer hält auch ihm die Wirkung solchen Blendens und Flunkerns
nicht Stand. Ein paar Jahre und er sehnt sich nach „Neuem", nach
„Modernem" und das „Neue" und „Moderne würde ihm nach einigen
Jahren aber doch auch wieder langweilig, wenn cs stillos ist — während
die wirklich beseelten Stuben mit jedem Jahr dem Bewohner lieber
werden, traulicher, heimlicher. Deshalb sollte jeder, der sich ein lsaus
baut oder eine Wohnung herrichtet, vor jeder Ausstattungsfrage die
Nebenfrage stellen: wie mach ich's, daß das, was ich mir gestalte, in
seiner Erscheinung sagt, was es ist?

uni» Seim.

„björe, guter Freund", antwortete^ mir nun jener und per, „du
hast brav reden, denn dn bezahlst mir die Mehrkosten nicht. Wär
nur das echte nicht so viel theurer, als das Imitierte"! Aber das
Imitierte ist nur billiger, als das Echte, wenn es etwas Kostbareres
nachahmt — warum willst du nicht das Schlichte als das Schlichte
sich zeigen lassen?

Es ist eine der betrübendsten Erscheinungen in unserem Bürger-
hause, daß es so oft nach etwas „Teurem" anssehen will: wer nach
einer wahrhaft schönen Wohnung strebt, muß vor allem den ksang
bekämpfen, mit ihr „glänzen" zu wollen, reicher scheinen zu wollen,
als er ist. Werden wir uns nicht bald der Würdelosigkeit bewußt
werden, die in diesem Nachäffen des Reichthums seitens der Minder-
bemittelten liegt? Merken wir nicht, daß solche Wohnungen den Be-
dientenlivreen gleichen, die auch Nachahmungen kostbarer Trachten in
billigerem Material sind, und daß wir, die wir glauben, mit derlei
Tressensräcken zu imponieren, uns für klügere Augen damit nur selber
als Domestiken kennzeichnen? — —

vor allen Dingen soll die Wohnung sein: zweckmäßig und
gesund. —• — Denn die Blume Schönheit ist kein gemachtes Ding
aus Draht, Tüll und Papier, sie kann nur erwachsen, und erwachsen
nur aus gesundem Boden. Deshalb denken wir zunächst, wenn wir
bauen oder einrichten wollen, gar nicht an die Schönheit, sondern wir
ordnen Räume oder Raumcstheile vor allem nach den Fragen des
„Praktischen" und der guten Bekömmlichkeit für unser wohl. Da reihen
sich Zimmer und Kammern zu einem bestimmten plan, und in den
Zimmern und Kammern die Wände, die Fenster, die Thüren, die Gesen.

Ist es uns bei diesem Unterfangen wirklich geglückt, die Er-
innerungsbilder von den Mode- und Miethshäusern unserer Nachbarn
und Bekannten unserem Geiste fernzuhalten, sind wir wirklich so un-
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