Zeitschrift des Bayerischen Kunstgewerbe-Vereins zu München: Monatshefte für d. gesammte dekorative Kunst — 1894

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redet, ward von je bei allen unverbildeten Völkern erstrebt, aber ein
jedes und eine jede Zeit hatten ihre eigene Sprache, Da redete man
auf Griechisch oder Aegz'ptisch oder Gothisch oder „Renaissanzisch" oder
„Rokokisch" — aber was Gebäude und Geräthe sagten,
war doch immer dasselbe, war immer: das bin ich und
das soll ich. Die Schulmeister der Kunst aber zogen sich
. _ . aus den Werken in Formen-Wörterbüchern und Gram

g~, (matiken die Formensprachen ab und meinten, die wären
die Hauptsache, nicht das, was man mit ihnen sagte.
~~ Und so lernten auch unsere Kunsthandwerker wenigstens

-die Fibeln der historischen Stilsxrachen auswendig und

meinten, nun hätten sie die Weisheit. Aber die schönste
Renaissance- oder Rokokosprache hilft nichts, wenn man
damit nichts oder nur falsches zu sagen, nichts wirklich
zu kennzeichnen weiß. Welcher Vernünftige hörte nicht
lieber etwas Sinnvolles sogar in schlichter Volksmund-
art, als etwas Sinnloses in tadellosem Formenlatein?

Wir sollten also bei der Wohnungseinrichtung hin-
sichtlich der geschichtlichen Stilweisen nicht allzu ängstlich
sein, vermeiden wir nur ein unmittelbares Neben-
einander gar zu verschiedener „Stilproben", so genügt
das in dieser Beziehung schon. Wenn nur die Haupt-
sache da ist: durchgeführte Kennzeichnung des Einzelnen
aus sich heraus, und damit Leben.

Alles, was ich bis jetzt besprochen habe, können
wir uns im Nothfall auch von einem tüchtigen Manne
besorgen lassen. Eine schöne Wohnung gewännen wir

ja damit, noch nicht aber ein wirkliches Heim.-

Die Wohnung, die überall den Bewohner verräth, diese
Wohnung erst ist ein Heim. Mit ihr erst sind mir
„verwachsen", sie erst ist im tieferen Sinne unser.

Es war ganz in der Ordnung, daß die Wieder-
beleber unseres Kunstgewerbes, als sie vor drei, vier
Jahrzehnten dies Dornröschen wieder erwecken wollten,
vor allem der Farbenblässe, der Formenlosigkeit, der
Aermlichkeit damaliger Wohnungseinrichterei entgegen-
traten und das Auge wieder für das Dekorative zu
schulen suchten. Jetzt aber droht in unseren Wohnungen
der Schönheit nicht mehr, auf dem Sande der Nüchtern-
heit zu verschmachten, sondern des gesunden Nährstoffs
beraubt zu werden von den Wucherblumen des kunst-
gewerblichen Schwulstes. Deshalb scheint mir der Hin-
weis daraus an der Zeit, daß ein übermäßiges Betonen
des Schmuckwerthes beim wohnungseinrichten einer geistlosen
Aeußerlichkeit Vorschub leistet.

Denn in unserer Gegenwart, da auf dem Felde der Malerei eine
große Richtung zum Siege gekommen ist, die der bloßen Linien- und
Farbenschönheit in echt germanischer Weise die Schönheit tiefdringender
Charakterschilderung und Gesühlsinnigkeit entgegenhält — in unserer
Gegenwart sollten wir doch auch beim Haus- und wohnungseinrichten

lS.

Morlakisches

Kerbschnitt-

Ornament.

nicht vergessen, daß nicht die dekorative Schönheit die höchste ist, sondern
die seelische. Es wird verhältnißmäßig nur selten sein, daß beide nicht
in Streit kommen, gerathen sie aber einmal in Streit, so soll die
seelische siegen. Da wird uns z. B. gesagt, an die Wände gehören
nur farbige Bilder, Stiche und gar Photographien haben ihren Platz
in der Mappe, vom dekorativen Standpunkte aus ist das ganz und
gar richtig, und was ich etwa von besonders guten farbigen Bildern
habe, gewiß, das gehört an die Wand. Trifft aber mein schweifender
Blick aus die wenn auch farblose Wiedergabe eines wahrhaft großen
Meisterwerks, einer Schöpfung jener Gewaltigsten, die je geschaffen
haben, eines Michelangelo, Raffael, Dürer, oder auch eines jüngeren
aus dem Geschlecht der echten Gottessöhne — so heimset er denn doch
noch bessere Ernte ein, als die des augensinnlichen Wohlgefallens an
einer erfreulichen Färb- oder Linienstimmung wäre. Die Bilder be-
sonders beliebter oder bewunderter, vorbildlicher Menschen oder von
Landschastsstätten, die uns aus eigenen Gründen nahe am Herzen
liegen, flüstern und rufen zu uns in einer intimen Sprache, die uns
denn doch weit mehr gibt, als dekorative Schönheit jemals kann. — -—

Noch immer viel zu wenig ist es dem Publikum bewußt, wie
trefflich sich Gypsabgüffe in der Wohnung verwerthen lassen, ich meine
natürlich nicht Gipsabgüsse zu irgendwelchen „Imitationszwecken",
noch Gipsabgüsse nach süßlichen Modemodellen, sondern solche nach
wahrhaft klassisch schönen Werken, die ob ihrer Treue für das Gebiet
des Plastischen etwa das sind, was Photographien für Werke der
Malerei. Was bringt für wenig Geld so edle Schönheit in einen
Raum, wie etwa die Büste des Hermes von Olympia? Die ver-
kleinerte Gipsnachbildung des Berliner Adoranten oder des tanzenden
Fauns oder des „Narziß" von Neapel könnten noch immer viel mehr
kunstsinnige Augen erfreuen, ebenso der Abguß der Vischer-Statuetten
vom Sebaldusgrab mit ihrer kerndeutschen Tüchtigkeit und Gemüth-
lichkeit oder der jener Veit Stoß zugeschriebenen herrlichen Nürn-
berger Madonnenstatuette. Zweckmäßige Färbung oder auch Bron-
zirung, wo sie am Platze ist, können leicht das häßliche Weiß beiseite
schaffen.-

Die „seelische Schönheit", von der wir sprechen, wird uns auch
Duldsamkeit lehren gegen so manches alte Stück. Die Uhr dort, die
unserem Vater schon Arbeits- und Feierabendstunde geschlagen und
uns als Kinder zur Schule gerufen hat, für uns ist sie mehr als ein
Ding, für das der Trödler zwei Thaler gibt, und selbst die Wunder-
lichkeiten ihrer Form, wir lieben sie wie die Eigenheiten eines theueren
Menschen. — — Sich ganz der alten Stücke entäußern, heißt den Zu-
sammenhang lösen, der unser Heim mit dem der Eltern verbindet, und
dazu sollte denn doch keine Stilverehrung im Stande sein. Kümmern
wir uns nicht darum, was kluge Krittler dazu sagen, wagen wir, wir

selber zu sein.-Und über das dem Auge Wohlgefällige in unserer

Wohnung wird sich ein Weben und Spinnen vou großen Eindrücken
und freundlichen Gedanken, von lieben Erinnerungen und traulichen
Gefühlen breiten, das sie durchzittert, wie zur Mittagszeit den Sommer-
wald jenes Summen durchzittert und durchgeistigt, das zusammenklingt
aus hundert und tausend leisen Stimmen des Lebens. >

ÖCnfWe kunstgewerblichen <I>ulkerblMer.

Taf. 25. Dalmatinische Schmucksachen. Halsschmuck mit
Ohrgehängen; Mantelschließe, Haarnadeln. (Ungefähr 3/4 der wirk-
lichen Größe.) Im Besitz von H. L. v. Berlepsch, München.
Näheres hierüber siehe im Hanpttert „Kunstgewerbliches aus Dal-
matien" Seite 38.

Taf. 26. Kopfleiste und Kinderfries. Entwurf und
Zeichnung von Jul. Dietz, München.

Taf. 27. Parkthor, von Hofkunstschlosser Dietr. Bußmann,
München. Nach Photographie gezeichnet von L. F. weysser, München.
Taf. 28. G l a s p o k a l. Entwurf von Jul. Dietz, München.

X

hierzu „Kunstgewerbliche Rundschau" Nr. 7.

verantw. Red.: Prof. L. Gmelin. — Herausgegeben vom Bayer. Runstgeiverbe-Verein. — Verlag von Sit. Schorß. Druck von Lnorr ä Birth, München.
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