Hochschule für Industrielle Formgestaltung [Editor]
Designtheoretisches Kolloquium — 14.1990

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Gerhard Cordes

Konsequenzen umweltverträg-
licher Industrieproduktion für das
Design

Was veranlaßt mich, auf einem „designwissen-
schaftlichen Kolloquium“ über Konsequenzen
umweltverträglicher Produktion für das Design
zu sprechen?

Die Produktgestaltungs-Praxis ist kein Ort für
Wissenschaft - aber die Wissenschaft braucht
Nachrichten aus der Praxis. Deshalb kann ich
hier vielleicht etwas beitragen.

Wie immer, geht wirklichen Veränderungen
eine Inkubationszeit voraus. Auf die Allmäh-
lichkeit folgt der Sprung, der Umschlag. Von
„Ökologie“ reden wir seit fast 20 Jahren, den
Begriff „recycling“ kenne ich noch länger, seit
meinem Studium, und nach dem Formaldehyd
in Spanplatten für den Möbelbau haben wir
unseren damaligen Auftraggeber schon vor 10
Jahren gefragt - das gehörte zur Inkubations-
zeit. Seit kurzem habe ich aber den Eindruck,
daß die Allmählichkeit in Tempo übergegan-
gen ist und die Orientierung auf Umweltver-
träglichkeit ihre eigene Dynamik entwickelt.

Welche Faktoren dafür die wichtigsten sind,
weiß ich nicht: ob die Allgegenwart des The-
mas „Ökologie“ in den Medien, der durch sie
vermittelte Problemdruck in Verbindung mit
wahrnehmbaren Veränderungen unserer Um-
welt oder das Ende der Ost/West-Konfronta-
tion - jedenfalls wächst die Zahl der Unterneh-
men schnell an, die nicht mehr nur auf staatli-
chen Druck, sondern aus eigener Initiative
Umweltverträglichkeit anstreben und realisie-
ren - und deshalb unsere Mitarbeit fordern.

Die Vereinigungen, die dieses Ziel verfolgen,
wurden vor zwei bis drei Jahren gegründet und
machen sich auf den Wirtschaftsseiten und in
den Institutionen immer bemerkbarer - zum
Beispiel auf dem Kongreß „Design und Ökolo-
gie“, der im letzten Flerbst in Nürnberg statt-
fand oder im Rahmen einer Vortragsreihe un-
ter dem gleichen Motto im Stuttgarter Design-
center in diesem Frühjahr.

Die neue politische Qualität zeigt sich in einem
mehrtägigen „Ost-West-Kongreß über Umwelt
und Wirtschaft“, den die Grünen vor einer Wo-
che im Stuttgarter Flaus der Wirtschaft durch-
geführt haben.

Um hier kein Mißverständnis aufkommen zu
lassen: lch bin nicht der Ansicht, die entschei-
dende Weichenstellung zur Rettung unserer
Erde sei inzwischen erfolgt, das Ende der im-
mer unerträglicheren Katastrophenmeldungen
in Sicht. Ich enwarte eher das Gegenteil.

Aber es wäre falsch, noch länger den Differen-
zierungsprozeß zu übersehen, der hinsichtlich
des Umweltbewußtseins auch in der Wirt-
schaft begonnen hat - zumal wir ja Industrie-
Designer sind.

Vergleichbare Differenzierungsprozesse sind
auf anderen Gebieten nicht neu. Nehmen wir
das Beispiel von Robert Bosch, der schon vor
1914 den Acht-Stundentag einführte und da-
mit in seinem Unternehmen vorwegnahm, was
erst in der Novemberrevolution allgemein er-
kämpft werden mußte.

Im Vergleich zum „Roten Bosch“, wie er des-
halb genannt wurde, handeln die „grünen Un-
ternehmer“ heute aber in einem größeren Zu-
sammenhang.

Ich meine den Zusammenhang von Produk-
tion, Handel und Konsumtion. Bezeichnend ist
ja für die Umweltorientierung, daß sich auf der
Konsumentenseite ein Bewußtsein entwickelt
hat, das die entsprechenden Bemühungen bei
Herstellern und Handel honoriert. Dieser Zu-
sammenhang ist zwar oft komplizierter und
widersprüchlicher als ich hier darstellen kann -
für meine Absicht mag der Hinweis genügen,
daß eine der im Hinblick auf Umweltverträg-
lichkeit konsequentesten Handelsorganisatio-
nen bei uns dem reichsten Deutschen gehört -
der übrigens neulich in einer Zeitschrift für
Yuppies als Grüner bezeichnet wurde. Darin
sehe ich, nebenbei, denselben Zusammen-
hang, der schon oft zum Widerstand der an-
deren europäischen Regierungen gegen ver-
schiedene bundesdeutsche Umweltinitiativen
in Brüssel führte.

Wir, die Designer Societät - und damit erklärt
sich meine persönliche Motivation -, arbeiten
seit einiger Zeit für einen Hersteller von Büro-

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