Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 16.1898

Page: 54
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wenn sie im Dienste der Andacht nnd des
betrachtenden Gebetes stehen.
Den soeben erwähnten Bedürfnissen hat
Detzels Bnch in anzuerkennender Weise
Rechnung zu tragen versucht. Der Rei-
sende in Italien und am Rhein wird ans
Künstler und Kunstwerke des Mittelalters,
der Renaissancezeit und der Neuzeit viel-
fach aufmerksam gemacht. Er lernt manche
Bezeichnungen und Darstellungen der bil-
denden Künste, manche Galerien und Mu-
seen wenigstens dem Namen nach kennen.
In dieser Hinsicht wären nur wenige
Bemerkungen beiznfügen. Oben habe ich
gesagt, daß die christliche Ikonographie
zurzeit und unter den jetzt obwaltenden
Verhältnissen schon wegen der Katakomben-
Forschnngen einen apologetischen Charakter
zu Gunsten des Katholizismus habe. Man
könnte noch weiter gehen und behaupten,
sie müsse auch polemisch gegen das phan-
tasielose Streben nach „Naturwahrheit"
iu den Heiligenbildern in die Schranken
treten. Einen Christus, gemalt in der
Auffassung von David Strauß oder Renan
kann man z. B. in einer christlichen Ikono-
graphie ohne Tadel nicht besprechen. Auf
der entgegengesetzten Seite gehöre» aber
nicht wenige moderne Bilder z. B. der
Beuroner Schule gleichfalls nicht in eine
christliche Bilderkunde, weil sie allzusehr
gegen die Schönheit der Form und die
Gesetze der Kunst verstoßen.
Das sind aber alles verhältnismäßig
noch kleine Schwierigkeiten, welche bei den
ikonographischen Studien überwunden wer-
den müssen. Etwas schwieriger ist die
Beantwortung der Frage, wie soll man
sich gegenüber der modernen Geschichts-
forschung verhalten, welche in vielen Hei-
ligenverchrungen Ueberreste des Heiden-
tums erblicken oder finden will. Dadurch
wird die Berechtigung der typischen, sym-
bolischen, allegorischen und emblematischen
Kunstform geleugnet oder bestritten. Noch
schwieriger ist die Frage, ob man die
kritische Kunstform bei Heiligenbildern, wie
die Karikaturen und Travestien der vier
Evangelisten von A. Dürer, der sechs
Apostelpaare von HanS Sebald Beham
und anderes, was lediglich Karikaturen
ans die Maler der Heiligenbilder sind,
in eine christliche Ikonographie anfnehmen
solle oder dürfe? Detzel hat diese Gat-

tung von Darstellungen ausgeschlossen,
wie ich glaube, mit Unrecht, denn sie sind
unmittelbare Quellen für die Kunstauf-
fassung einer bestimmten Zeit.
Entsprechend den im vorhergegangenen
entwickelten Grundsätzen hat man die Frage
aufgeworfen, ob nicht der Verfasser der
christlichen Ikonographie sich an Jakob
Nostadt, Pfarrer in Büdesheim bei
Bingen, hätte anschließen sollen? Letzterer
hat folgende Schriften herausgegeben:
Mariendichtungen, deutscher und auslän-
discher Klassiker, alter und neuer Zeit.
— Ferner: Das Leiden Christi in B i l-
dern und Dichtungen berühmter Meister,
40 Illustrationen. — Das Kirchenjahr
in Bildern und Dichtungen berühmter
Meister, 63 Illustrationen, eine Auswahl
von Werken von 29 Künstlern. — End-
lich: Die Kindheit Jesu in Bildern
und Dichtungen berühmter Meister, 44
Illustrationen. An den Grundgedanken,
von welchem Nostadt in seinen Publika-
tionen ausging, hat sich in einzelnen Par-
tien Detzel allzuviel angeschlossen, aber
ans die Individualität der Künstler und
ihrer Zeitrichtnng keine oder wenig Rück-
sicht genommen.
lieber das erste bei jedem Handbuche
ist der Verfasser hinweggegangen, nämlich
übereine, allerdings nicht leichte, erschöpfende
und richtige Definition des Stoffes, also
hier der christlichen Ikonographie selbst.
Jene kann nur in folgender Erklärung
zutreffend gegeben werden. Sie ist die
wissenschaftliche Behandlung der bildenden
Künste, so weit diese im Dienste der An-
dacht nnd des beschauenden Gebetes stehen.
Schon der Titel des Detzelschen Buches :
„Christliche Ikonographie" und
„Handbuck znm Verständnis der
christlichen Kunst" gefällt manchem
Leser nicht. Das Wort „Ikonographie"
hätte wenigstens durch den Ausdruck
„Jkonologie" ersetzt werden sollen, meinen
einige, weil unter IllonoZrnpIriu Canini
1669 nur die Beschreibung und Aufzäh-
lung der Portraits in der klassischen
Archäologie verstand und weil I. v. Na-
dowitz 1839 die Physiognomik der Ideal-
typen der christlichen Kunst „christliche
Kunstsymbolik nnd Ikonographie" nannte.
Daß Wessely 1874 eine „Ikonographie
Gottes und der Heiligen" schrieb, kann
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