Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 10.1865

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sichen Genesis der geistigen Freiheit, die den göttlichen
Inhalt des Menschenthums ausmacht, hatten nun die
Alten keine Vorstellung. Nachdem sich das religiöse Ideal
in allen Formen erschöpft hatte, griffen sie beliebig in den
großen Topf der Motive. Da in jener Zeit — mehr wie
heute — die Künstler eine ziemlich genaue Kenntniß des
Alterthums und namentlich der antiken Mythologie (wenn
auch nur aus dem Ovid) besaßen, so malten sie beliebig
mythologische oder auch symbolische Motive mit derselben
Bonhommie, wie altbiblische oder historische. Allein was
sie malten, war eben nichts als der Wortlaut ihres Ovid,
was das Motiv betrifft, und — was die Form betrifft —
ihre erworbene und weiterhin traditionell gewordene Mei-
sterschaft in -Form und Farbe. Da entstand denn allmälig
jener abstrakte Geschmack, der, unbekümmert um den ideellen
Inhalt des Motivs, nur nach dem „schönen Bilde" fragt;
jener verkehrte Geschmack, der auch heutzutage noch an
der Tagesordnung ist.

Aber, wenn überhaupt unsrer Kunst nach eine freie
und höhere Entwickelung blühen soll, so kann es nur durch
die Vertiefung in diesen wahrhaft modernen
Ged an leninhalt geschehen, welcher der ganzen heutigen
Entwickelung 'so Zusagen instinktartig zu Grunde liegt:
Die Menschengeschichte als die Offenbarung des
freien Geistes muß gemalt werden; d. h. solche
Motive sind zu suchen, welche bei dramatischer Gestaltungs-
fähigkeit einen wichtigen Punkt in dieser Entwickelung zur
Darstellung zu bringen vermögen. Was man daher auch
über Lessing's Technik sagen mag, das Bedürfniß, nach
solchen Motiven zu forschen und sie zu gestalten, kann
man ihm nicht absprechen. Die Reformationsgeschichte
bietet vorzugsweise solche Momente dar, aber es giebt auch
außerhalb derselben Motive genug, in denen sich das un-
endliche Streben der Menschheit nach freier geistiger Ent-
wickelung offenbart. Die alten Meister lebten mitten in
dieser merkwürdigen Regenerations- und Umschwungsepoche,
aber nichts davon spiegelt sich in ihren Werken wieder;
und zwar nicht nur deshalb, weil sie den Ereignissen zu
nahe standen, um sie in die für die künstlerische Gestaltung
nothwendige Sehweite zu rücken, sondern viel mehr
noch darum, weil der Begriff des „Historischen" als des
geschichtlich Bedeutsamen überhaupt noch nicht zum Be-
wußtsein gekommen war. Man besaß und schrieb damals
Chroniken aber keine Geschichte, obgleich man diese letztere
— ohne viel darüber zu reflektiren — durchlebte. Aber
nicht nur die Rcformationsgeschichte — diesen Ausdruck
im ganz allgemeinen und weitesten Sinne als Regene-
ration des Geistes überhaupt gefaßt — sondern auch jen-
seits derselben bis in den Anfang des Mittelalters hinauf")

*) Warum wir das Alterthum ausschließen, darüber werden
wir uns bei einer andern Gelegenheit ^aussprechen, haben es
auch bereits mehrmals beiläufig gethan. D. Vers.

und diesieits Bis zur französischen Revolution herab giebt
es großartige und dramatisch^-wirksame Momente genug,
um die Historienmalerei mit reichem Stoff zu versorgen.
Ob diese nun schlechthin dramatisch oder mit tragischer
Pointe aufgefaßt werden, ist Sache des Künstlers. Nur
müssen wir uns mit großer Entschiedenheit gegen jene im
tiefsten Wesen unkünstlerische Richtung aussprechen, in
welcher Kaulbach und seine Molyten — statt wirklicher
historischen Thatsachen, in denen sich die Idee der mensch-
lichen Genesis offenbart — eine abstrakte Symbolik
kultivirt, in dem Glauben, durch eine mechanische, allen
Gesetzen von Raum- und Zeiteinheit in's Gesicht schla-
gende Zusammenwürfelung von Personen und Dingen die
Idee der geschichtlichen Entwickelung zur künstlerischen
Anschauung bringen zu können.

Vielleicht hat diese falsche und durch ihre künstlerische
wie besonders dramatische Unwahrheit verkehrte Richtung
dazu beigetragen, die echte Historienmalerei in ihrer Ent-
wickelung zu behindern. Um so mehr müssen wir auf die
wenigen Künstler Hinweisen, welche wie Lessing die großen
Momente der weltgeschichtlichen Entwickelung in's Auge zu
fassen suchen; namentlich auf K a r l Pi l o t y, der mit richtigem
Takt seine historischen Motive so zu behandeln weiß, daß
sie an sich in fast episodenartiger Begrenzung und dra-
stischer Einfachheit doch eine Perspektive auf die Zeit und
ihre historische Charakteristik eröffnen. Unter seinen hier-
hergehörigen Bildern erwähnen wir namentlich sein treff-
liches Werk „Seni vor Wallensteins Leiche", von welchem
wir unfern Lesern eine Abbildung bringen.

Wenn wir aber auf der einen Seite gegen jenen phi-
losophisch sein sollenden Gelehrtenkram, wie er sich in den
symbolisirenden Kombinationsstückeu Kaulbach's breit
macht, als unkünstlerisch prvtestiren, so glauben wir an-
dererseits einer großen Anzahl unsrer heutigen Künstler,
und zwar nicht blos der Historienmaler, an's Herz legen
zu dürfen, daß die Ursache der Impotenz unsrer heutigen
Kunst zum großen Theil in dem unter den Künstlern
herrschenden beklagenswerthen Mangel an allgemei-
ner Bildung zu suchen ist.

Wenn dieser Mangel erst verschwunden sein wird, dann
wird sich auch die Vorstellung des Künstlers mit tieferen
Ideen und seine Empfindung mit lebhafterer Begeiste-
rung dafür erfüllen: er wird dann nicht mehr achselzuckend
davon reden, „es sei gleichgültig, was man male, wenn man
nur gut male", sondern er wird einsehen lernen, daß nur
Das gut gemalt zu werden verdient, und auch nur gut
gemalt werden kann, was einen ideell bedeutsamen
Inhalt hat. Hoffentlich wird dann auch jene wohlfeile
und blinde Götzendienerei, die mit dem „genialen Mach-
werk" getrieben wird, aufhören, und die Idee befruchtend
und reinigend auf unsere gesammte Kunstproduction ein-
wirken. M. Sr.

Korrespondenzen.

D Wien, Ende Februar. (Februar-Ausstellung tient". Der kleine Bursche, welcher sich so entschieden

des O e ste r reicht sch e n Kunst Vereins. Schluß.) gegen die bittere Arznei sträubt, ist ein gar prächtiger Kerl;

Das Genre zeichnet sich diesmal nicht durch besondere weniger gelungen sind die Mutter und das Mädchen; in-

Qualität aus. Am meisten Inhalt und darum auch die dessen ist das Bild im Ganzen doch ein sehr gutes zu

meiste Anziehungskraft besitzt Rhomberg's „Kleiner Pa- nennen. — Das „Sommertheater" von Zeppenfeld

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