Fliegende Blätter — 55.1871 (Nr. 1355-1380)

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Der Uhrmacher von Straßburg.

(Fortsetzung.)

Endlich waren die von dem Großrathe bewilligten vier
Wochen verstrichen; Alles strömte schon früh Morgens vor die
verschlossenen Pforten des Münsters, um — wenn diese endlich
zum Zwecke der Uebergabe der Uhr an Rath und Stadt ge-
öffnet würden — sicher einen Platz im Innern in der Nähe
des Wunderwerkes zu crhälten.

Isaak hatte diese Zeit aus zwölf Uhr bestimmt, da zu
dieser Stunde die Mechanik des Werkes die meisten Funktionen
zu verrichten hatte. Ruhig wenngleich in ernster Stimmung
schritt er am Morgen dieses Tages, der so bedeutungsvoll für
ihn werden sollte, zu dem nun in voller Thätigkeit stehenden
Werke seiner langjährigen Phantasicen, das nun frei von der
umgebenden Bretterwand binnen wenigen Stunden aufhören
sollte, sein ausschließliches Eigcnthum zu sein. Mit einer ge-
wissen Zärtlichkeit prüfte er nochmals das sichere Eingreifen
aller Räder und Walzen und lauschte dem gleichmäßigen „Tick-
tack" des durch die riesigen Gewichte in Bewegung gehaltenen
Perpendikels, der bei einer Länge von zehn Ellen ruhig und
sicher seine mächtigen Schwingungen vollführte. Dann, nach-
dem er sich ebenso von dem richtigen Gange und Stande der
Himmelskörper unseres gesummten Planetensystems überzeugt und
öcn Mechanismus sümmtlicher sich bewegender Figuren geprüft
hatte, schritt er zum Hauptaltare und schickte in stummer An-
dacht ein inbrünstiges Gebet zum Himmel empor als beredten
Ausdruck seines Dankes für das endliche vollständige Gelingen
dessen, was er durch jahrelange Mühe und Arbeit erstrebt hatte.

Jetzt zeigte die Uhr halb zwölf. Es war dieß die Zeit,
zu welcher die Spitzen der Behörden, der Adel und die Hono-
ratioren der Stadt ihre Ankunft angezeigt hatten. An der für
lhren Eintritt bestimmten Pforte empfing Isaak den langen Zug
derselben. Voran schritt der Bischof Johann von Manderscheid,

umgeben von den Professoren der von Kaiser Maximilian II.
1566 neu gegründeten Hochschule, unter ihnen die der Geschichte
angehörendcn berühmten Theologen Erasmus Marbach und Jo-
hann Pappus, die Professoren der Rechtswissenschaft Georg Ob-
recht und Philipp Glaser, der geistreiche Schriftsteller, der aus-
gezeichnete Arzt Melchior Sebitz, der beredte Johann Sturm,
der gewaltige Mathematiker Conrad Dasypodius, der Lehrer
Isaaks, nebst vielen andern hochberühmten Männern. Dann
folgte der Adel; darunter die Herren von Andlaw, von Kageneck,
von Böcklin, von Zettlitz, Zorn von Bulach und viele andere
mehr stolze — als berühmte Herren. Dann kam der hohe
Magistrat, der Ammeister und der Großrath. — Zu beiden
Seiten des Ammeisters aber schritten die festlich geputzte Frau
Margareth und die vor Freude, Glück und Verlegenheit er-
röthende Gertrud.

Bescheiden, doch mit männlicher selbstbewußter Würde, em-
pfing Isaak die hohe Versammlung und geleitete sie zu den her-
gerichteten Ehrensitzen; dann öffnete er mit Erlaubniß des Bischofs
das Haupt-Portal und herein strömten die Massen der unge-
duldigen Menge und füllten alsbald den Raum des Schiffes —
alle lautlos und stumm, theils aus Respekt vor den anwesenden
hohen Herrschaften, theils aus starrem Erstaunen bei dem An-
blicke der Riesenuhr, die sich bis unter das Deckengewölbe vor
ihnen erhob.

Isaak bestieg nun alsbald frohen Muthcs eine seitwärts
angebrachte kleine Galerie und erklärte mit kurzen Worten den
ganzen gewaltigen Bau mit allen seinen Einrichtungen. Er
zeigte zuerst unten anfangend den auf einem besonderen Posta-
mente stehenden Globus, der den Lauf der Gestirne zu jeder
Tageszeit angab, nebst dem hinter demselben befindlichen ewigen
Kalender, wo eine Statue des Apollo mit einem Pfeile das

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