Fliegende Blätter — 55.1871 (Nr. 1355-1380)

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K. K.

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Die Weihnachtsglockcn.

(Schluß.)

So redeten die Glocken zu dem Herzen des dem Tode Ver-
fallenen, und sein Mund verstummte. Aber seltsam, je mehr seine
Seele verzichtete auf jede Rechtfertigung, je widerstandloser er alle
jene Anklagen ertrug, je tiefer er empfand, sie seien gerecht, um so
stiller wurde des Angstvollen Seele, und in sein Herz fiel ein
leiser Dämmcrschein des Lichtes, das nur dem aufgeht, der da
! verzichtet, sich zu rechtfertigen, und in tiefem Bewußtwerden
seiner Verschuldung stumm aber sehnsüchtig wartet auf die Gnade
eines Allgnädigen.

„Ach, ich wollte ja anders sein künftig, wenn ich könnte!"
seufzte er, „aber jetzt ist es zu spät; o Gott, erbarme dich
meiner!"

Das Glockengeläut war verstummt, tiefer senkte sich des Zer-
knirschten Haupt, er wartete stumm auf den Tod. Da — fällt
nicht ein lichter Schein hernieder in die Nacht rings um ihn
her? Die Lebenshoffnung wogt alsbald wieder hoch auf, und
„Hülfe! Hülfe!" rnft er mit heiser geschrieener Stimme, und
. . . o Gott! er hört eine Antwort: „Wer ruft, wo. ist's?"
— „Hier, hier, um Gotteswillen, in der Wolfsgrube! rette
mich, wer Du auch bist, ich will Dir's reich lohnen; ich bin
der Erbrichter Mysner aus Albrechtsdorf!"

Der Schein des Lichtes fiel noch immer herab, aber keine
Antwort erfolgte, und jetzt verschwand auch das Licht. „Was
bedeutet das, warum antwortet der oben nicht, warum kommt
er nicht, zu helfen?" Da — Herr Gott! da fuhr's dem Ent-
setzten durch die Seele ... es war der Jäger gewesen, der
ihn nun hier verderben ließ! Mit einem Schrei der Verzweiflung
rang er die Hände. Warum mußte er auch gleich seinen Namen
nennen! Die letzte Hoffnung, die gewisse Rettung abermals
dahin! „O der Grausame, der Verruchte!" Die neue Lebcns-
hoffnung bäumte ivicdcr hoch auf in der Seele des Verlassenen,

neue Angst, neues Ringen mit Verzweiflung! — da begann
das Glockengeläut von Neuem und wieder ward der Glocken
Ton zur vernehmlichen Stimme:

„Klaus, Klaus! nicht wahr, es ist hart, es ist entsetzlich, i
daß der Jäger gegangen und lasset Dich rettungslos verkom-
men? Was aber wolltest Du an ihm thun, welche Gedanke» .
bewegtest Du im Herzen auf dem Wege? Seines Lebens Glück
wolltest Du zertrümmern! und warum? weil er Dir ein hart'
aber gerecht' Wort gesagt! War das nicht grausamer, als daß
er Dich hier verschmachten läßt, Dich, der ihn verderben will?
Ist cs nicht Nothwehr, wenn er, taub gegen Deinen Hilferuf,
sich abgewendet hat, froh, daß sein schlimmster Feind ihm nicht
mehr schaden kann? Klaus, Klaus! so fallen all' Deine bösen
Anschläge zurück auf Dein eigen' Haupt, und wenn Du hier
verschmachtest, hast Du es nicht verdient?"

Klaus hatte verlernt sich selbst zu rechtfertigen. Wahrheit
war es, was die Glocken sagten, aber unnennbar schwer war -
es auch, abermals nach unerwarteter naher Hoffnung abfchlicßen
zu müssen mit dem Leben. Der harte, kalte unbeugsame Mann ;
weinte bitterlich.

Es war in der That so, wie der Verzweifelnde unten in
der Grube gemuthmaßt. Franz hatte der Wölfe wegen mit j
brennender Fackel die Wälder durchschritten und alle Wolfsgruben !
unversehrt gefunden und war endlich zu denen im Krummholz
gekommen. Da hört er den Hülferuf und die Worte: „ich bin
der Erbrichter Mysner und in die Grube gestürzt." Ein heftig
Erschrecken, ein wildes jähes Hereinstürmen der Gedanken, und
nun steht es vor ihm mit triumphirendem Lachen: „Jetzt bin
ich sicher und gerächt! er muß dort verkommen, der mich um
all mein Glück bringen wollte! Ein Thor wäre ich, wenn ich
ihn hcrauszöge!" Hastig wendete er seine Schritte, weit hinweg !

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