Fliegende Blätter — 55.1871 (Nr. 1355-1380)

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Der Uhrmacher von Straßburg.

(Fortsetzung.)

„Zurück, ehrvergessener Bube," schrie die Geängstigte und
versetzte dem Zudringlichen einen gewaltigen Stoß vor die Brust,
daß er zurücktaumelte. „Heiliger Gott!" rief sic dann in die
Kniee sinkend und die Hände ringend, als ihr plötzlich einfiel,
daß Mathias offenbar an dem schändlichen Verrathe betheiligt
sein müsse — „mein Bruder, mein leiblicher Bruder!" Sie schlug
die Hände vor ihr Angesicht und weinte bitterlich. Zcttlitz wagte
nicht, diesen Ausbruch des Seelenschmerzes zu stören; er blieb
stumm, die Arme über einander geschlagen, an seiner Stelle und
wartete ab, bis sich die schöne Weinende beruhigt habe.

Jetzt endlich erhob sich Gertrud; sie schien einen Entschluß
gefaßt zu haben, denn sie trocknete ihre Thränen und schritt
auf den Junker zu mit den heftig hcrvorgestoßenen Worten:
..Wenn Ihr wirklich aus adligem Geschlcchte stammet, so öffnet
diese Thüre und laßt mich gehen — ansonst müßte ich glauben,
daß Ihr ein feiger Betrüger seid, der den edlen Namen wie
dieß ritterliche Kleid gestohlen hat!"

Zettlitz schaute kalt und ruhig in das schöne Antlitz der
Zürnenden und erwiderte: „Sei vernünftig, Gertrud! Wohl ist
^ir Alles zu überraschend gekommen — doch besinne Dich und
vergleiche das kümmerliche Leben, das Dn als das Weib eines
Handwerkers führen müßtest, gegen das glänzende Loos, das
>ch Dir biete —"

„Elender, was könnt Ihr mir bieten außer Schmach und
Schande?! — Und müßte ich Zeit meines Lebens trockenes
^rod essen an Isaaks Seite - ich würde mich glücklich schätzen,
denn ihn liebe ich! Euch aber" — sie trat ihm einen Schritt
väher und durchbohrte ihn mit ihren schönen im Zorne blitzen-
den Augen — „Euch verabscheue ich mit all' Eurem Reich-
thume, mit dem Ihr mir meinen Isaak nie abkaufen könnt!
^>eß wisset — und öffnet!"

Aber Zettlitz blieb ohne sich zu rühren an seiner Stelle
und schien völlig unbewegt von dem Schmerze wie von dem Aus-
bruche des Zornes seiner Gefangenen.

„Wenn Du Dich erst an den Gedanken gewöhnt haben
wirst, in Glanz und Ueberfluß zu leben, statt in Dürftigkeit
und Sorge, so wirst Du mich und mein liebendes Herz ferner-
hin nicht mehr zurückweisen. Du wirst —"

„Ich werde mich nie daran gewöhnen, zu denken, daß
Eure Worte etwas Anderes seien, als Beleidigungen für ein
armes aber rechtschaffenes Mädchen und Euer Anerbieten eine
Schmach, der ich den Tod vorzöge. Oesfnet diese Thüre!"

„Du wirst mit der Zeit schon anderer Ansicht werden!"

„Nie und nimmermehr!"

„Nun wohl, so wirst Du ohne Gegenliebe dennoch meine
Geliebte werden, denn nur als solche wirst Du dieß Zimmer
verlassen!"

Gertrud erbleichte und mit vor Schrecken bebender Stimme
stammelte sie: „Wie? Ihr denkt doch nicht daran, mich hier
zurück zu halten?!"

„Allerdings denke ich hieran; dieß Zimmer ist so lange
Deine Wohnung, als Du unempfindlich gegen meine Zärtlich-
keit gewesen bist!"

„Elender — cs soll Dir Nichts nützen," donnerte die
Unglückliche, „eher erwürge ich mich mit meinen Haaren, als
daß ich Dir gestatte, mich nur mit der Spitze eines Fingers
zu berühren!"

Zettlitz zuckte die Achseln: „Ich werde cs abwarten!"

„Zum letzten Male — öffnet!"

„Meine Arme sind Dir allein geöffnet — die Thüre
bleibt verschlossen," sprach Zettlitz und breitete zärtlich die Arme
aus, um einen abermaligen Versuch zu machen, Gertrud zu

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