Fliegende Blätter — 55.1871 (Nr. 1355-1380)

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Aus dem Tagebuch eines Zerstreuten.

Ob sich meine Eltern in der Zerstreuung gcheirathet
tiabcn, wage ich nicht zu entscheiden, unumstößlich fest aber
steht cs bei mir, daß ich in purer Zerstreuung zur Welt
kam. Ich darf mir wohl erlauben, diese Behauptung so apo-
dictisch hinzustellen, da ich aus den wahrheitsgetreuen Berichten
glaubwürdiger Zeitgenossen, die ich mit unermüdlichem Eifer
gesammelt habe, den Schluß ziehen kann: mein Erscheinen sei
j von allen Betheiligten mit dem größten Staunen, und ohne
staß dasselbe in irgend einer Weise vorbereitet gewesen wäre,
ausgenommen worden.

Daß unter solchen Umständen am Tage meiner Geburt
ssue heillose Verwirrung im väterlichen Hause herrschte, läßt
stch denken; alle alten Basen und Muhmen wurden aus der

Nachbarschaft zusammen getrommelt; man bcrathschlagte, ob man
das Ereigniß überhaupt für wahr annehmen sollte, und da ich
durch meine Existenz einen unwiderlegbaren Beweis bot, so
schüttelte man den .Kops und hielt die Sache für unerklärlich.
Lieber Himmel! wie oft haben seit jener Zeit die Leute über
mich den Kopf geschüttelt — wie oft mein Thun Und Treiben
für unerklärlich erklärt!

In der Eile hatte man mich in einen Waschkorb gebettet
und mein Vater saß dicht daneben und starrte mich an, und
ich riß meine Augen weit auf und starrte meinen Vater an:
Beide aber waren wir jedenfalls so zerstreut als möglich!

Es ist nicht unmöglich, daß an meiner geistigen Zerfahren-
heit , die ich offen genug bin, niemals und Niemandem abzu-
leugnen (denn sic ist zu sehr in die Augen springend) — keine
geringe Schuld die unglückliche Wahl von Wärterinnen, welche
meine Eltern trafen, trägt; alle diese „Hirtinnen des mensch-
lichen Kleinviehs" waren mit dem Fehler des Zerstr'eutseins be-
haftet und bei einem Haar hätte ich dadurch schon im zartesten
Alter mein kostbares Leben eingebüßt. Ich pflegte nämlich täg-
lich einige Stunden von der vorgespannten Kinderfrau in einem
kleinen Korbwagen an die frische Luft befördert zu werden, und
richtete diese würdige Dame ihre „Spazicrzüge" gewöhnlich nach
einem vor dem Stadtthore gelegenen Wäldchen, wo sie hoffen
durfte, gleichgestimmte Colleginnen in erfreulicher Menge vor-
zufindcn. Wir, ich meine die zwar stimmbegabte, aber nicht
stimmberechtigte Kinderschaar, wurden, jegliches in seiner Equi-
page, in den Schatten dichten Gesträuches geschoben und unserem
Schicksal überlassen, das mit wenig Veränderung im Schlafen
bestand, bis die sinkende Sonne zur Heimkehr mahnte.

Hatte nun innerer Forschungsdrang oder irgend welcher
äußere Anstoß mich bewogen — kurz, ich überkletterte, jcdcn-

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Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Aus dem Tagebuch eines Zerstreuten"
Weitere Titel/Paralleltitel
Fliegende Blätter
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Grafik

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Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

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Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

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Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Kinderwagen
Kleinkind <Motiv>
Strauch
Karikatur
Natur <Motiv>
Decke <Textilien>
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

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Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Fliegende Blätter, 55.1871, Nr. 1365, S. 81 Universitätsbibliothek Heidelberg
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