Fliegende Blätter — 55.1871 (Nr. 1355-1380)

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Frack!

Scheußliches, unkleidsames, ungesundes, windiges Möbel,
von den windigen Franzosen erfunden und von uns nachgeäfft,
wann wirst du aufhören, den Leib eines deutschen Mannes zu
schänden? Wann wirst du aufhören, für den Bräutigam am
Traualtäre, für den Pathen am Tauftische, für Anstandsbcsuche
und für jeden Ball eine verabscheute aber eiserne Nothwendig-
keit zu sein? Wie lange werden wir noch an Stadtverordneten
und Leichentrügern die verschiedenen Jahrgänge dieser Schwanz-
jacke von 1801 bis auf die Gegenwart studircn können? Wie
lange sollen wir sie noch sehen, hier mit langen Schwalben-
schwänzen, dort mit runden kurzen Schößen, hier mit hohem
Kummet im Nacken, dort mit schmalem bis auf den Leib herab-
reichendem Kragen, hier mit weitem gefaltetem Bauschärmel, dort
mit tricotartigem engem Arme, hier mit schmalen, dort mit
breiten Klappen? Wie lange wirst du noch der Schrecken des
deutschen Familienvaters sein, wenn er, deiner bedürfend, dich
zitternd herausholt aus dem Kleiderschrein und mit Entsetzen
gewahrt, daß er riskiren muß, in der Gesellschaft, zu der er
geladen, als Vogelscheuche zu siguriren und mit mitleidigem oder
höhnischem Lächeln empfangen zu werden, wenn der Schneider
achselzuckend erklärt, daß er völlig außer Stande sei, das alte
Möbel zu modernisiren oder aus demselben irgend ein brauch-
bares Kleidungsstück für ein Glied der Familie daraus herzu-
stellen, wenn die Trödelfrau gerade so viel Groschen darauf
dielet, als er Thaler gekostet hat und wenn du Aermster in den
sauren Apfel der Anschaffung eines neuen beißen mußt, dessen
Säure um so größer ist, je weniger auf diese Ausgabe im
Budget gerechnet war?

Deutsche Nation vom Civil! Wie lange, wie lange
willst du noch diese Fessel des Auslandes schleppen, die der
Krieger längst abgestreift hat?

Deutsches Parlament, deutsche Kammern! Wollt

ihr nicht die Abschaffung dieser Unsitte auf euere Tagesordnung
setzen und zu den Grundrechten des deutschen Volkes erheben?

Deutsche Frauen und Jungfrauen! Wollt ihr keine
ganzen Männer? Wollt ihr dieses Zeichen der Halbheit und
Unfertigkeit noch ferner an euren Gatten und Geliebten dulden?

Deutsche Schneider! Ist euer Gehirn so arm an
Geist und Erfindungsgabe, daß ihr nicht im Stande seid, an
die Stelle dieses elenden Fetzens ein euer würdiges Werk zu
setzen? Tretet zusammen, ihr deutschen Männer der Scheere
und des Bügeleisens, zu einem großen deutschen Schneider-
congreß, erklärt dem Fracke den Krieg bis auf's Messer, oder
vielmehr bis auf die Scheere, zerstört jedes Individuum dieser
Gattung, das in euere Hände kommt, schonungslos mit dem roth-
glühenden Bügeleisen zu Asche und Staub, verschwört euch bei
den Pforten der Schneiderhölle, keinen Frack mehr zu machen,
setzt an seine Stelle den deutschen Rock, den kurzen, kleid-
samen; überlaßt nur den schnöden Hofschneidern, noch ferner-
hin den verachteten Hofschranzenfrack zu niachen, so lange,
bis auch dieser durch das Machtwort deutscher Fürsten von ihren
Höfen verbannt sein wird.

Nur so, nur durch euch kann das große Werk gelingen;
das Jahrhundert wird euch dafür segnen und groß werdet ihr
dastehen in der Geschichte aller Zeiten und Völker!

Möchte dieser Ngthschrei aus Millionen deutscher Männer-
kehlcn endlich Erhörung finden, möchte durch ihn, wie einst durch
die Neüberin der Hanswurst von der Bühne, der Frack von
jeder Männerbrust verbannt werden, möchten unsere siegreichen
Krieger nach der Rückkehr in das Vaterland nur ganze deutsche
Brüder finden und in jeder Stadt ein Freudenscheiterhaufen an-
gezündet werden van allen Fracks, die in der Stadt vorhanden,
damit deren weithin steigender Qualm den Göttern lieblich in
die Nase ziehe, wie eine Hekatombe von tausend Ochsen!

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