Fliegende Blätter — 55.1871 (Nr. 1355-1380)

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Aus dem Tagebuch eines Zerstreuten.

(Schluß.)

„Trotz alledem und alledem bleibe ich bei dem, was ich
gesagt, meine Unerfahrenheit in arte amandi hat übrigens einen
sehr triftigen Grund: ich leide an Zerstreutheit."

„Und was beweist das?" fragt der Rouv achselzuckend.

„Alles, mein Herr, Alles! Ich frage Sie, wie ist cs
möglich, ein Verhältntß anzuknüpfen, wenn mau nicht nur den
Namen, sondern auch die Gesichtszüge und besonders die Wohn-
ung der Geliebten total vergißt? Wenn man ihr zum Weih-
nachtsfeste statt eines geschmackvollen Damenhutes irrthümlicher
Weise ein altes, abgeschabtes Angstrohr zusendet, welches zum
Färben bestimmt war, und statt dessen nun eben jener Damen-
hut zu dem erstaunten Hutmacher wandert?

Womit wollen Sic cs ferner entschuldigen, wenn Sie, mit
eben dieser Geliebten im Theater sitzend, plötzlich aufspringen
und nach Hause eilen, weil Ihnen einfällt, das; Sie um diese
! Stunde von einem Freunde erwartet werden; Sie kommen in
! Ihrer Wohnung an, man sagt Ihnen, daß der Erivartete vor
! kaum zehn Minuten wieder weggegangen; Sie eilen in ein Cafo-
haus, wo der betreffende Freund häufig zu verkehren pflegt und
i treffen daselbst — den Gesuchten zwar nicht, wohl aber einen
, anderen Bekannten, der Ihnen eine Partie Schach aubietet.

Schach ist Ihre Leidenschaft — Sie acceptircn, Sie spielen;

! Theater, Geliebte, Freund, Alles ist vergessen. Ihre Angebetete
muß allein und bei strömendem Regen den heimathlichen Herd
j zu erreichen suchen. Glauben Sie, mein Herr, daß mau Ihnen
! so etwas verzeiht? — Eher einen Treubruch!"

Da ich aber Selbstkcnutniß genug besitze, um von vorn-
| herein innerlich und festiglich überzeugt zu sein, daß mir alle
i diese Fatalitäten passiren würden, wenn ich es wagte, eine An-
1 Näherung an ein weibliches Wesen, über die oberflächlichsten

Bekauutschaflsgrade hinaus, cinzuleiten, so hatte ich bisher eine
solche Annäherung ängstlicher vermieden, als das Feuer.

Was aber sind Pläne, die der Sterbliche entwirft, was
Entschlüsse, die er faßt? Gerade die festesten liebt die starke
Hand des ewig waltenden Fatums wie Seifenblasen in Nichts
zu zerstören! Besonders aber in Liebcssachen gibt das Geschick
keinen Pardon. Ein Herkules unterlag und sank sogar bis zu
der keineswegs heldenhaften Beschäftigung am Spinnrocken; wie
sollte ich Stand halten?

Die Nichte eines älteren Kollegen (ich weiß nicht, ob ich
bereits die Thatsache aufgeführt habe, daß ich mich nach Be-
endigung meiner Studien und Absolvirung des Doctor-Examens
an hiesiger Universität als Privatdocent der Mathematik habi-
litirt habe) — die Nichte also eines älteren College» machte,
als ich diesem einen Besuch abstattete, einen so tiefen Eindruck
auf mein Herz, daß ich bald genug fühlte, ich werde aus diesem
Kampfe des Gefühls mit dem Verstände nicht als Sieger her-
vorgehen.

Was soll ich es leugnen; ich verliebte mich sterblich in
dieß Engclbild — „so schön, so rein, so hold"; — ich konnte
nicht müde werden, in diese lieben, treuen Augen zu schauen,
deren Glanz durch ein leichtes, melancholisches Wölkchen gemil-
dert, aber nicht getrübt wurde.

Daß ich in diesem Stadium des „süßesten Wahnsinns"
noch ungereimtere Dinge beging, als zuvor, läßt sich denken.
Ich sprach auf dem Katheder statt von Secantcn und Tangenten
von ihren blonden Locken und dem Grübchen in ihrem Kinn
— ich zeichnete in alle Kreise hinein ihr liebliches Bild, so
gut es eben gehen wollte, und in alle Quadrate und Rhom-
boide schrieb ich Anzeichen wie: „Als Verlobte empfehlen sich"


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