Fliegende Blätter — 55.1871 (Nr. 1355-1380)

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Das IIeii(1 ez-vous.

(Schluß.)

„Wen erwarten Sie?"

„Das kümmert Sie nichts."

„Oho!" fuhr der Lakai auf. „Ist es eine Dame?"

„Möglich."

„Tie heute Abend kommen will?"

„Glauben Sic, ich werde bis morgen Abend hier spazieren-
gchen?"

„Wer sind Sic, mein Herr?"

„Kümmern Sic sich um Ihre eigenen Angelegenheiten,"
erwiderte Oskar barsch, „ich habe dasselbe Recht, hier zu stehen,
wie Sie."

„Doch nicht so ganz," spottete der Lakai.

„Haben Sie vielleicht die Ecke gemiethet?"

„Wenn Sie wollen, ja — seit vier Wochen."

„In der That? Wie viel Miethe zahlen Sie dafür?"

„Herr, jetzt reißt mir die Geduld! Ich glaube, Sie sind
der saubere Vogel, der mir in's Garn gegangen ist."

„Sic werden unverschämt!"

„Und Sie anzüglich!" brauste der Lakai auf. „Ich er-
suche Sie, sich augenblicklich zu entfernen."

Oskar lachte, aber in demselben Augenblicke traf die Hand
des Gegners seine Wange.

Großen Muth schien der Lakai nicht'zu besitzen, nachdem
er diese Heldenthat vollbracht hatte, nahm er Reißaus; er war
verschwunden, ehe Oskar sich von seiner ersten Bestürzung über
die ihm widerfahrene Schmach erholt hatte.

Der junge Mann bebte vor Wuth, sein Vorsatz war ver-
gessen , er eilte dem Lakai nach; bald glaubte er ihn vor sich
zu sehen, bald bemerkte er ihn nicht mehr; nachdem er mehrere
Straßen und Gassen eilig durchwandert hatte, gelangte er zu
der Einsicht, daß es eine unnütze Verfolgung sei.

Er trat den Heimweg an, ohne eine Lösung des Räthsels
gefunden zu haben.

Jenny hatte sich schon in ihr Schlafgemach zurückgezogen,
das Stubenmädchen theilte dem jungen Herrn bei seiner Heim-
kehr mit, Madame leide an heftigem Kopfweh.

Oskar wollte sich nach ihrem Befinden erkundigen, aber
die Thüre war verschlossen, auf sein Pochen erhielt er keine
Antwort. —

Am nächsten Morgen brach der Sturm los.

Oskar war verstimmt; wüthend über den Schimpf, der ihn
betroffen hatte, dachte er nur an Rache, die er nehmen wollte.

Und nicht minder verstimmt war Jenny.

„Papchen will Zucker haben!" rief der Papagei, aber
heute kümmerte Keines sich um seine Wünsche.

„Ich erwarte Deinen Bericht über die Ereignisse des
gestrigen Abends," brach Jenny endlich das Schweigen, und
aus ihren schönen Augen traf ein lauernder Seitenblick den
Gatten, dessen Brauen sich finster zusammenzogen.

„Es ist eine Mystifikation," sagte Oskar ärgerlich. „Ich
habe Niemand gesehen."

„Soll ich damit mich begnügen?"

„Muß ich cs nicht auch?"

„Hm, ich glaube, diese Mystifikation trifft mich allein."

„Liebes Kind, ich wünsche eine Wiederholung des gestrigen
Auftritts nicht."

„Das glaube ich gern, aber ich bin auch nicht verpflichtet,
mir Alles gefallen zu lassen!"

„Guten Morgen, Jenny!"

„Ich wiederhole Dir, es ist ein niederträchtiges Buben-
stück, und ich bedaure sehr, daß Dein Vertrauen so leicht er-
schüttert werden kann!"

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