Fliegende Blätter — 55.1871 (Nr. 1355-1380)

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Die Weihnachts glo ckcn

(Fortsetzung.»

Kinns erhielt das Jawort von Vater und Tochter und
kam auch, da der alte Windisch bald darauf starb, in Kurzem
zum Besitz des ersehnten Erbes. Die dreizehn Jahre aber, die
I er mit der Ursel verbringen mußte, waren für ihn, wenn nicht
geradezu eine Hölle, so doch ein Fegfeuer. Aus den gering-
i filzigsten Dingen wußte die Ursel einen oasno belli zu machen
und quälte mit nicht endendem Keifen den Mann gewöhnlich
1 so lange, bis dieser entweder entwich, oder, wenn ihn einmal
der Zorn übermannte, blindlings ans die Keifende losschlug.
Man erzählte sich im Dorfe mit heimlicher Schadenfreude von
gar. heftigen Auftritten in des Erbrichters Hause. Da wurde
Klaus am Christnachtstage ganz unerwartet schnell von dem
Plagegeist befreit. Es war am Nachmittage wieder einmal zu
einem Streit gekommen und Ursel hatte alle Register ihres voll-
stimmigen Werkes gezogen, bis Klaus ingrimmig davon gegangen
war auf den Heuboden, um dort, etwas besorgend, dem Un-
! wetter auszuweichen. Frau Ursel aber fühlte ein lebhaftes Ver-
! langen, ihre böse Laune noch länger wider den Gestüchteten
sprühen zu lassen, war ihm dcßhalb nachgestiegen die Leiter
! hinauf, und während Klaus voll Acrger und Grimm zwischen
j dein Heu hantirte, tauchte mit einem Male die Gattin auf und
l ließ von Neuem' die giftigen Geschosse ihres Mundes gegen ihn
j spielen. Da überkam den Geplagten wieder einmal die Wuth
j der völlig erschöpften Geduld; einen wilden Fluch ausstoßend,
j ging er mit geballten Fäusten auf die Keifende zu. Er wußte
1 nicht, hatte er sie gepackt und zurückgestoßen oder war ste er-
> schrockcn vor dem furchtbaren Grimm, der aus. gereizten Blicken
i flammte, hastig zurückgetrcte», jedenfalls >var sie durch die Boden-
j lacke rücklings hinabgestürzt und hatte sich das Genick gebrochen.

Klaus stieg der Herabgestürzten erschrocken nach, fand sic
unten leblos und rief das Gesinde herbei mit der Kunde, die

Ursel sei vom Heuboden gestürzt. Der jähe Todesfall war für
den hart Geplagten viel zu sehr eine Erlösung aus unablässiger
Noth, als daß nicht alsbald im Dorfe die Leute die Köpfe zu-
sammengesteckt hätten mit dem Flüstern: „Das wäre wohl auch
nicht mit rechten Dingen zngegangen und der Erbrichter würde
wohl am Besten wissen, wie der Ursel hinübergeholfen worden!"
Man konnte indessen solche Beschuldigung ans keine Art beweisen
und Klaus wehrte sich rücksichtslos gegen solch' Gerede; nachdem
er ein vorlaut' Weib, das unvorsichtig genug ans offener Straße
solchen Verdacht geäußert, an den Schandpfahl gebracht hatte,
wurde die Sache nur insgeheim besprochen und beredet.

Klaus war nun seines Plagegeistes ledig und sein Ge-
wissen war gerade nicht so zart und empfindlich, daß er nicht
bald über die Geschichte hinweggekommen wäre; nur Eins war
peinlich bei der Sache. Hätte sich die Zanksüchtige an irgend
einem schlichten Wochentage das Genick gebrochen, so wäre nach
Jahresfrist Alles längst vergessen gcivcsen und der Jahrestag
seiner Erlösung wäre unbeachtet an Klaus vorüber gegangen,
nun aber hatten sich diese Tinge am Christfest-Nachmittag zu-
getragen, einem Tage, den man nicht vergessen kann. Als nun
im nächsten Jahre dieser Tag wieder gekommen war und Klaus
sich frühzeitig in seine Schlafkammer zurückgezogen hatte, da trat
die Erinnerung an jenes Ereigniß viel lebhafter, als er wünschte,
vor sein Gemüth. Er sah die Todte fort und fort vor sich liegen,
wie sie damals unten am Boden lag mit gebrochenen Augen;
eine unheimliche Angst bemächtigte sich seiner Seele, er meinte,
den Tritt ihrer Füße zu hören, wie sie auf die Kammer zukam,
und schlaflos und angstgcquält warf er sich auf dem Lager hin
und her und wagte doch nicht aufzustehen und Licht zu machen,
denn dann hätte er sie sicherlich irgendwo gesehen in einer Ecke,
und doch war cs wieder entsetzlich, zu wissen, ihre Gestalt stehe
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