Fliegende Blätter — 55.1871 (Nr. 1355-1380)

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Die Wcihnachtsglocken.

(Fortsetzung.)

Der Erbrichter hatte die erste Bestürzung über den un-
erwarteten Anruf bald überwunden und begann nun mit höhni-
scher Freundlichkeit: „Ei, der Franz Zehdel auch hier? Ta ist
ja die ganze Freundschaft beisammen! Willst wohl sehen, wie
die Herzallerliebste ausschaut als Christkindel?" und damit wies
! er mit dem Daumen über die Schulter nach der Stelle, wo
die schluchzende Katharine stand. „Hast wohl viel Zeit zu
! solchen Dingen? he?"

„Was geht den Erbrichter an, zu was ich Zeit habe?"
i brauste der Jäger auf.

„Und was geht den Franz an, was ich hier rede?" er-
! widerte Klaus gereizt.

„Schmach und Schande ist's, und vor,Gott und allen j
j Heiligen ein Gräuel!" wiederholte heftig der Jäger.

In des Erbrichters Augen flammte ein wilder Grimm.
Tic Vorwürfe, die er von Christinen vernommen, wenn sic
auch als ein Zeichen ihres tiefen Kummers sein Haß und
Rache athmcndes Herz mit einer tückischen Schadenfreude erfüllt,
hatten ihn doch zugleich empfindlich berührt, wenn er sich dich
auch vor sich selbst verhehlte; nun war der Jäger dazwischen
getreten, der Jäger, den er schon als Bräutigam Katharinens
mit scheelen Augen ansah, und hatte unberufener Weise sein
Wort dazu gegeben. All der versteckte Zorn richtete sich nun
wider Jenen. Ein hämisches Lächeln spielte um den Mund des
Ergrimmten, als er, den erhobenen Zeigefinger zornig schüttelnd -
und mit drohendem Kopfnicken, rief: „Franz, Dir wäre auch
besser gewesen, Du wär'st daheim geblieben beim alten Wolf-
j gang, oder wärest irgendwo draußen im Krummholz oder auf
den Bergen, wo Du hingchörst, denn daß Du mir hier in den
! Weg trittst und Dein loses Maul au mir auslässest! Der
! Klaus Mysner hat ein gut' Gedächtuiß, und wer ihn auf den

Fuß tritt, dem vergißt er's so leicht nicht wieder! Tu gehst
dem Mädel da nach, ich weiß es, der Wolfgang ist stumpf und
taub, und nach Ostern will er hinüber zu seinen Kindern ziehen!
Meinst, Du hättest dann die Försterstclle an allen fünf Fingern!
Hx, weißt Du nicht, Du Thor, daß der Klaus- MysULr etwas
gilt bei dem hochwürdigcn Herrn Prior und dem Pater Pro-
curator? Und wenn's 'was zu ordnen gibt hier herum, so hören
sie wohl, was der Klaus dazu meint! Denkst Du, ich könnte
Dir Dein loses Maul nicht vergelten? Warte nur, Du sollst
es merken! so wahr ich der Klaus Mysner bin! Wenn ich nun
den hochwürdigen Herren sage — und ich wcrd' 's ihnen sagen,
mein Franz, darauf verlass' Dich^ der Zeydel ist freilich des
Wolsgaugs Gehülfe gewesen und sonst schon, aber die

Hochwürdigen wissen nicht, wie Er bot einen 'An-

hang im Torfe und manches WilW^^crF statt es dem Pater
Küchenmeister abzulicfern, dem Berndt in's Haus geschleppt, weil
er dort sponsirt mit der Käthe!"

„Tie Krähen, die ich schieße, sind mein," rief trotzig der
Jäger, „und von denen habe ich —"

„Ei, ei," fiel der Erbrichter höhnisch ein, „meint der Franz,
ich sei blind? Ich weiß und erfahre Alles! War das eine
Krähe, die der Jäger letzt, Freitag nach Mariä Empfängniß
gegen Abend hier in's Haus brachte? War's nicht ein Hase?
Und war's etwa der Erste? Nun, werd' ich sagen, hochmürdige
Herren, wenn Einer auf ein Amt wartet und lauert, da nimmt
er sich zusammen und läßt nimmer sehen, was schlimm und
böse an ihm ist, und wenn's Einer so treibt, während er noch
wartet auf's Amt, wie wird's dann werden, wenn er's sicher
hat? So wcrd' ich sprechen und Du sollst d'rau gedenken, mein
Franz! und sollst wünschen, Tu hättest Dir lieber die Zunge
abgebissen, als den Klaus mit Deinem vorlauten Munde zum

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