Fliegende Blätter — 55.1871 (Nr. 1355-1380)

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Der Uhrmacher von Straßburg.

„Nun, Meister Günzer, der Ihr ja eiu Zunftgenosse seid,"
wandte sich jetzt Isaak an den durch diese Cordialität in seinem
Ralhsherrn-Dünkel etwas Verletzten, „führt mich au die linke
Seite des Werkes und öffnet die hier befindliche Thüre."

Ter Rathsherr that wie ihm geheißen. Eine Masse von
Walzen und Rädern in den verschiedensten Größen wurde sichtbar.

Ein Seufzer hob Isaaks Brust.

„Nun zahlet genau das neunte Rad von der vorder»
Wand ab! Habt Jhr's?"

„Ja!"

„Es hat etwa einen Fuß im Durchmesser, ist am Rande
gezahnt und ebenso an der Welle?"

„Ganz recht, Meister!"

„Wohl, nun lasset dieses Rad von rechts nach links eine
halbe Umdrehung zu machen!"

Günzer versuchte den erhaltenen Auftrag auszuführen, doch
umsonst war sein Bemühen, er vermochte es nicht zu bewegen.
Nach wiederholten fruchtlosen Versuchen setzte er Isaak hievon
in Kenntnis;.

„Ihr müßt unrichtig gezählt haben, Meister Günzer, denn
das Rad muß sich ohne jegliche Anstrengung drehen lassen!"

Nochmals zählte der Rathsherr.

„Habt Jhr's jetzt?" frag Isaak mit höchst bewegter Stimme.

„Ja, es ist dasselbe, wie vorhin!"

„Leitet meine Hand hin, ich werde leicht fühlen, ob cs
das richtige ist!"

Günzer ergriff die ausgcstrcckte Hand und führte sic zu
dem bczeichnetcn Rade. Zitternd betastete Isaak dasselbe von

allen Seiten; dann, nachdem er sich überzeugt hatte, daß es
das richtige, das von ihm gesuchte sei, packte er es fest mit

beiden Händen an dem gezahnten Rande und mit dem Knie
sich an den Kasten stemmend, riß er es mit einen; gewaltigen ;
Rucke aus seinen Lagern.

Ein schnurrendes Geräusch ging durch das ganze Werk —
cs war sein Sterbeseuzer — die Uhr stand still.

Mit Entsetzen hatte der Rathsherr das Thun des Blinden
erschaut; wie gelähmt, mit gesträubtem Haare und weit aufge-
rissenen Augen stand er neben Isaak, der tief aufathmeud das
gewichtige Rad in seinen Händen hielt.

„Heiliger Pancratius," rief er jetzt mit gerungenen Hän-
den, „Habrecht, was habt Ihr gethan?!"

Ruhig bot der Blinde dem verzweifelten Mitgliede des
hochwohlweisen Rathcs das zerbrochene Rad und sagte schmerz-
lich lächelnd: „Nun Meister und Zunftgenosse, überbringet dem
Rathe dies; Andenken au den Bettler, der nur ein stummes
Denkmal — seiner Dankbarkeit für die belassene Hand in dieser
Stadt zurücklassen wollte!"

Hochroth vor Zorn bei diesen höhnenden Worten wollte
Günzer den Blinden verhaften und nochmals vor den Rath
schleppen, doch kalt sprach dieser:

„Gut, Herr Rathsherr, laßt mir durch ein zweites unge-
rechtes Urtheil auch die Hand noch nehmen, es wird Euch nicht
schwer fallen. Doch merket wohl: ich habe keinerlei Zahlung
für dieß mein Werk angenommen, folglich stand mir frei, auch
wieder zu zerstören, was ich geschaffen!"

Da schämte sich der Rathsherr und ging, noch einen schmerz-
lichen Blick werfend auf das nun „stumme" Prachtwcrk, von
dannen. Jetzt erst, als er mit seiner Gertrud allein war vor
dem durch ihn getödteten Werke, brach Isaak in krampfhaftes
Weinen aus.

Es war der Schmerz eines Vaters, der sein Kind verloren.

Dann schritt auch er hinweg, gestützt auf seine Gertrud,
um mit ihr und Frau Margareth alsbald Straßburg und das
Land zu verlassen.

Nie mehr erhielt man Kunde von seinem Schicksal.

Zwei und ein halbes Jahrhundert stand das gestörte Räder-
werk stille; keiner der Meister, die während dieser langen Zeit
Versuche machten, den tobten Körper wieder zu beleben, konnten
den so feinen, sinnreichen Mechanismus in Gang bringen. Das
Werk war und blieb ein „stummes Denkmal" von des unglück-
lichen Isaak Habrecht unverschuldeten Leiden und seiner Rache.

„Erst im Jahre 1842 ist es endlich dem ausgezeichneten
französischen Mechaniker Schwilguv gelungen, das Werk des
deutschen Denkers ivieder herzustellen.

Seither geht die Uhr ungestört ihren ruhigen Gang und
Tausende von Fremden stehen alljährlich staunend vor dem Wun-
derwerke Schwilguö's — doch des Erfinders, des unglücklichen
Isaak Habrecht, denkt Niemand mehr.

P. A. Kack.

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Der Uhrmacher von Straßburg"
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Fliegende Blätter
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Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

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Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Watter, Joseph
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Ratsherr
Mann <Motiv>
Uhr <Motiv>
Straßburg
Münster Straßburg <Straßburg>
Gespräch <Motiv>
Karikatur
Zahnrad
Frau <Motiv>
Uhrwerk
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Fliegende Blätter, 55.1871, Nr. 1361, S. 50 Universitätsbibliothek Heidelberg
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