Fliegende Blätter — 65.1876 (Nr. 1615-1640)

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Zwei Schädel.

(Fortsetzung.)

Endlich schritt der Herzog nach seinein Platze und die
Vorstellung begann. Sie verlief auf's Glänzendste und be-
sonders die schöne Kozelska ward mit Beifall förmlich über-
schüttet, der ebenso sehr ihrer in jedem neuen Costüme mehr sich
zeigenden Schönheit, als ihren graziösen und leicht ausgeführten
künstlerischen Leistungen galt. Der Herzog selbst war entzückt
und ließ der reizenden Kunstreiterin wiederholt seine Anerkennung
nussprechen. Dem glücklichen Direktor aber versicherte er am
Schlüsse der Vorstellung, daß er die nächstfolgenden Produktionen
wieder mit seiner Gegenwart beehren würde.

„Der Herzog hat Feuer gefangen," flüsterte während der
Heimfahrt der berüchtigte Kirchenraths-Direktor Wittleder seinem
Begleiter, dem nicht minder berüchtigten, damals allmächtigen
Minister, Grafen Montmartin zu: „Wetten wir, Excellenz, daß
k>>ese schöne Kunstreiterin nächstens — etwas Anderes sein wird?"

Graf Montmartin lächelte. „Und was wohl, Verehrtester?"
srug er, bedächtig eine Prise aus seiner goldenen Tabatiere
nehmend.

„Nun," entgegnete Wittleder, schlau mit einem Auge
dlinzelnd, „ich meine, daß in den nächsten Tagen Seiner Hoheit
Hofschuster — ein Paar neuer blauseidener Schuhe anzufertigen
haben wird!"

Montmartin schnellte gleichgültig einige Tabakskörnchen von
seinem blendend weißen Jabot. „Und was weiter," sprach er
ruhig, „was geht das Sie und mich an?"

„Viel, Excellenz," entgegnete Wittlcder wichtig, „insofern
es für Personen, die der Herzog mit seiner Gunst beehrt, nic-
wals gleichgültig sein kann, wer sonst noch Einfluß auf seine
allerhöchste Person auszuüben vermag; ich werde mich jedenfalls
~~ und ich denke, daß Sie dasselbe zu thun beabsichtigen —
der Gewogenheit dieser neu ausgehenden Sonne versichern."

„Thun Sie das," erwiderte der Graf verächtlich, „ich

bin dem Herzog unentbehrlich, ich habe nicht nöthig, mich auf
eine seiner Maitressen zu stützen!"

„O, auch ich bin ihm unentbehrlich," lachte Wittledcr, in-
dem er mit Daumen und Zeigeflnger die Bewegung des Geld-
zählens machte, „aber denken Sie an Rieger, der auch einst
glaubte, durch Niemanden aus des Herzogs Gunst verdrängt
werden zu können, — und doch sitzt er jetzt auf dem Hohen-
twiel. — Gut ist gut und besser ist besser!"

Am Morgen nach dieser ersten Kunstreiter-Produktion, die
Herzog Karl mit seinem Besuche beehrt hatte, befand sich dieser
in seinem Kabinete und arbeitete, wie er täglich zu thun pflegte,
mit seinem Minister Montmartin und dem geheimen Rathe
„an der Wohlfahrt des Landes." Es handelte sich, wie fast
immer, um Finanzangelegcnhciten, denn bei der maßlosen Ver-
schwendung des Herzogs reichten natürlich die gewöhnlichen
Einkünfte desselben lange nicht für all' die manchfältigen Be-
dürfnisse des Fürsten aus und immer neue, womöglich recht
einträgliche Mittel mußten ersonnen werden, um seiner steten
Geldnoth abzuhelfen. Ein solches Mittel aber glaubte Montmartin,
nachdem der Inhalt der den Landständen förmlich geraubten
sogenannten „geheimen Truhe" verbraucht war, nunmehr in der
Umarbeitung des seitherigen Steuerplancs gefunden zu haben.
Nach ihm sollte für die Zukunft jeder Landeseinwohner vom
höchsten bis zum geringsten herab je nach Vermögen und Ein-
künften besteuert werden. Die Frauen sollten ebenso viel zahlen,
wie ihre Männer, jedes unmündige Kind ein Zehntheil dessen,
was die Eltern schon zahlten; jeder Geselle oder Dienstbote
sollte je nach Verhältuiß des ihm ansgeworfenen Lohnes, jeder
Jude aber außer der gewöhnlichen Einwohnerstener noch eine
sehr beträchtliche sogenannte Schntzsteuer zahlen.

Dieser Plan war' es, der den Gegenstand der Berathung


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