Fliegende Blätter — 65.1876 (Nr. 1615-1640)

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directem Bezüge. Einzelne Nummern 30 Pfennige.

Allerlei Zauber.

Von Di. Märzroth.
(Fortsetzung.)

Franz hatte richtig kurz vor 7 Uhr die Mühle verlassen,
und war energisch an dem Sonnenbräuhause vorbeigegangen.

er etwa zehn Schritte daran vorüber war, schmunzelte sein
Mund triumphirend. Er setzte seinen Gang nach dem Zapfenwald
'n gleichem sicheren Schritte fort, und stimmte mit lauter, hübscher
stimme ein Lied an. Ehe er aber noch den Hügel erreicht hatte,
"ber den es zum Zapfenwald führte, unterbrach er sich mit ein-
mal. Er blickte sinnend vor sich hin, dann griff er sich prüfend
an die Brusttasche, und dann fuhr er in die Taschen der Schöße
seines kurzen Rockes, endlich auch in die Hosentaschen. „Brieftasche
habe ich," murmelte er, „Pfeife und Tabacksbeutel auch, Feuerzeug
^uch, . . ’§ Messer ist da, und doch . . geht mir was ab! . . Ja,
lvas denn nur geschwind!? . . Das ist eigens! . . fehlen thut mir
Was, aber ich weiß just nicht was! . . Ich muß es daheim auf dem
^>sche gelassen haben. . . Muß doch wieder umkehren! . ."

Richtig trat Franz wieder den Rückweg an, wobei er
wiederholt seine Taschen untersuchte, ohne zu ermitteln, was ihm
"gentlich abging. Er schüttelte den Kopf. So war er wieder
am Sonnenbräuhause angelangt. Da war es ihm, als riefe
'hm eine Stimme zu: „Das Sonnenbräuhaus hat dir gc-
feljtt!" Verwirrt, als suche er den Urheber dieses Zuruf's,
sah sich Franz um. Er führte die Hand an den Mund und
sich in den Daumennagel.

„Das Sonnenbräuhaus geht mich gar nichts an!" be-
antwortete er im Stillen den räthselhaften Zuruf, „und die
^sei kümmert mich schon gar nichts, und ihr „Hexentrankel"
mn dummes Kinderspiel! ..." Er lachte laut auf und
glaubte an der Schankstube vorübcrzugehcn, hatte aber längst
schon unwillkllhrlich die Klinke zur Thüre in's Schanklokal erfaßt,
^btzt drückte er krampfhaft mit der Hand daran, und da stand
Cr auch schon in der Stube! Als ihm der Dunst der Stube

cntgegenathmete, fühlte er sich wie von einem Narkoticum be-
täubt. Still und willenlos schlich er zu einem Tische, ließ sich
nieder und bestellte sein Bier. Lisei stellte es vor ihm hin.
Er wollte von Lisei keine Notiz nehmen, aber er reichte das
Glas dem Mädchen, um einen Trunk zu thun, wie es im Dorfe
Sitte ist. Lisei nippte daran, stellte das Glas wieder hin und
ging wieder ihrer Wege. Franz griff hastig nach dem Glase,
that einen langen Zug daraus und berührte dabei gerade dieselbe
Stelle des Glasrandes, an welcher vorher Lisei's rother Mund
einen Augenblick lang gehaftet hatte. Traurig und seufzend
stellte er das Glas wieder hin. Im Stillen aber sagte er zu
sich selbst: „Franz! es hilft dir nichts, daß du dich wehrst! die
Hexe hat dir einmal was in's Bier gemischt, und da wäre
alles Sträuben dagegen umsonst! ..."

Lisei hatte sich inzwischen an die Seite eines Gastes gesetzt,
welchen Franz bisher nicht bemerkt hatte. Es war ein Fremder,
der sogleich Franzens gespannte Aufmerksamkeit erregte; es >var
derselbe, mit dem wir Franz, unserer Erzählung voreilend,
in Conflict getroffen haben. Der Fremde war einer jener ge-
schniegelten und großsprecherischen Handelsreisenden, wie sie zu
gewissen Zeiten in Stadt und Dorf auftauchcn. Es war ein
gar nicht übler Kerl, und hatte durch sein einschmeichelndes
Benehmen offenbar der stolzen Lisei einige Sympathie abgewonnen.
Darum saß sie jetzt plaudernd an seiner Seite.

Der coquete Handelsagent schlang nun mit Grazie seinen
Arm um Lisei's Taille und flüsterte ihr dabei in's Ohr. Lisei
lachte laut aus, aber sie blieb neben dem „Unverschämten", —
so nannte ihn Franz ihm Stillen — ganz behaglich sitzen.
Franz, der das Alles mit ansah, ballte unter dem Tische die
Faust. Nun geschah etwas, das der Situation plötzlich eine
neue Wendung gab.

SO
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