Fliegende Blätter — 65.1876 (Nr. 1615-1640)

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LXV. Bd,

Der Keller-Arrest.

Wenn man die weniger trinkbaren Weinsorten Deutschlands
aufzählt, so ist leider mein lieber Landsmann, der Meißner,
unmer auch mitten unter der Zahl der Geschmähten, und die
versuche, mich zum Vertheidiger des bitter — oder vielmehr
sauer Verläumdeten anfzuwerfcn, haben selten den gewünschten
Erfolg gehabt. Da ist aber mein alter Freund, der pensionirte
königlich sächsische Chausseegeld-Einnehmer Blochschmidt in
Meißen, Besitzer eines an der Elbe gelegenen kleinen Weinberges,
Hessen Rebensaft anzngreifen oder zu schmähen ich Niemand rathen
möchte. Denn so gutherzig und harmlos auch sonst Blochschmidt
>st ■— sobald Jemand dessen Wein tadelt, kennt sein Zorn keine
Grenzen mehr. Blochschmidt hält seinen „Schieler" aus innerster
(ieberzeugung für zwanzigmal besser als die renommirtesten Sorten
dam Rhein, obgleich er diese letzteren in seinem Leben noch nicht
einmal gekostet hat. Wenn aber gar ans französische Weine
öie Rede kommt, so meint er dann immer verächtlich: von
solchem ausländischen Zeuge müsse man überhaupt nicht reden,
wo man doch so vortreffliche Erzeugnisse des engeren Vaterlandes
aufweisen könne.

Nun hatte die gütige Sonne des Jahres 1868 auch an
dm Trauben der Elbufer einmal wieder etwas Uebriges gcthan
und Blochschmidt behauptete steif und fest: das Dreieimerfaß,
welches er von jenem gesegneten Jahrgange liegen habe, könne
stch selbst im Bremer Rathskeller dreist sehen lassen und würde dort
die „Rose" sammt allen „zwölf Aposteln" siegreich aus dem
Felde schlagen Jenes Faß Achtundsechziger war Blochschmidts
Augapfel und erst im Jahre 1872 entschloß er sich, den herr-
schen Wein endlich auf Flaschen zu ziehen — ei» Geschäft von
höchster Wichtigkeit, bei dem er sich von keinem Menschen helfen
oder stören ließ. Jener erhabene Zeitpunkt nahte sich also wieder.
Mit feierlicher Würde stieß er den Zapfen in das Faß und
letzte sich dann eine Zeit lang still vor seinen Kellerschatz, um

sich schon jetzt das glückliche Gefühl zg vergegenwärtigen, mit
welchem er morgen früh (dazu hatte er einen Sonntag bestimmt)
das köstliche Naß seiner vierjährigen Gefangenschaft entledigen
wollte, um es in den engeren Gewahrsam der Glasflaschcn über-
zuführen. —

Da ereilte unser» guten Blochschmidt urplötzlich das neidische
Geschick, welches so oft unsre langersehnten, edelsten Freuden im
entscheidensten Augenblick durchkreuzt. Da — — doch ich fühle
mich außer Stande, Blochschmidts Schicksal so ergreifend zu
schildern, wie er es selbst im Kreise seiner Freunde thut, wenn
die Rede auf seinen Achtundsechziger kommt, und ans diesem
Grunde will ich auch lieber meinen braven Landsmann in seiner
biederen Weise jenes unglückliche Abenteuer weiter erzählen lassen.

„Wie Se ja Alle wissen, meine Herrens," so erzählt
Blochschmidt, „bin ich doch nie »ich in meinem Lüben ver-
heiradt gewesen, weil ich mir ans'» sogenannten scheenen Geschlüchte
iberhaubt un aus enner Frau in's Besondere gar nischt »ich
machen dhue. De Weiber wogen Sie nämlich alle mitenander
»ich viel un zumal mit der ehlichten Trete is das nu ooch so
enue faule Sache, denn wie Se wissen, hat doch schon Schiller
gesagt: „De Treie is nur ü Lehrerwahn!" Ich Habemir
dieserthalb ooch immer blos enne Uffwartefrau gehalten, >vas
jetz de alte Miller» is, die wer mei bischen Hauswärthschaft
besorgen dhut. Un damit daß ich doch wenigstens ü Gesell-
schafter um mich 'rum habe, da habe ich mer meinen klcencn
schwarzen Binscherl, meinen Azor angeschafft, das is Sie gewiß
ü gutes, treics Luderchen, nn der hat mich in seinen ganzen
Läben nur ä eenzigstes Mal geärgert, un das war Sic nämlich
grad an dem Dage, wo ich meinen Achtensechz'ger abziehen
wollte, was ich Sie nn gleich erzehlen ivill.

Meine alte Miller hatte mer also damals an ä Sonnabende
so ü Sticker dreihundert Flaschen gesbilt un reenc gemacht un

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