Fliegende Blätter — 65.1876 (Nr. 1615-1640)

Page: 33
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb65/0036
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Bestellungen weiden in allen Buch- nnd Knnst-
O. Handlungen, sowie von allen Postämtern und
Zeitu n g sexp e d ition e n angenommen.

Erscheinen wöchentlich ein Mal. Preis des Bandes
J|[== JL6JL9* (26 Nummern) 6 Mark 70 Pf., excl. Porto bei LXV. Ad.

directem Bezüge. Einzelne Nnnimer 30 Pfennige.

Der alte Mandl.

Von Gustav Kicnast.
(Schluß.)

Eben als der junge Mandl zu wiederholten Malen wüthend
gegen Sommaruga ansfiel, zischte die kleine Degenklinge Corallo's
pfeilschnell an Sigismunds Waffe empor und parirte deren
Stoß, des Grafen Degen aber drang tief in des Jünglings
Brust. „Ach! — Corallo — tückischer Bube!" stöhnte Sigis-
mund niedersinkend. „Ich bin verloren! Sommaruga, benach-
richtigen Sie — meinen Vater in Deutenhofen — daß er
mich von hier fortnehme —" mehr vermochte der Unglückliche
"icht zu sprechen. Sommaruga aber hieß nun den Zwerg das
Gesinde hereinholen.

Mit bleichen Mienen umstand bald die Dienerschaft den
tödtlich Verwundeten.

„Bringt ihn auf ein Lager," befahl der Graf. „Ich
wurde zum Zweikampfe von Baron Sigismund Mandl gcnöthigt;
rr ist rasch unterlegen."

Der sterbende Jüngling Ivurde in einem Gemache auf
das Ruhebett gebracht. Kurze Zeit darauf fuhr ein Wagen

Portale vor; er brachte die zurückkehrende Eleonore.
Sommaruga und Corallo eilten ihr entgegen und unterrichteten
fie. „Corallo hat sich und Eleonoren an den Mandls ge-
rächt!" sprach trimnphirend der Zwerg. „Komm' und sieh'
Einen Mandl sterben, Cousine Eleonore!"

Diese warf einen Blick des Entsetzens und der Verachtung
auf den Heimtückischen. „Schande über Dich! Du hast den
Zweikampf in gemeinen Meuchelmord verivandelt!" Und un-
aufhaltsam eilte sie, voiz ihrem Vater geleitet, in das Kabinet,
wo der junge Mandl lag. Sie warf sich vor dem Jünglinge
nieder und ergriff seine kalte Hand. „Sigismund, hören Sie
mich!" rief sie in Verzweiflung. „O schlagen Sie die Augen
"och einmal auf! Ihr Vater und Sic kennen mein Herz nicht

— ich liebte Sie wahrhaft! Nur ein Wort sprechen Sie noch,
daß Sie mich nicht verachten — an dieser heutigen Stunde
bin ich schuldlos!"

Sigismund raffte sich mühsam empor; sein umflortes
Auge richtete sich ans Eleonoren. Kaum hörbar begann er,
allmählich aber steigerte der Sterbende seine Stimme. „Eleonore,
wenn Sie mich geliebt, wenn Sie — mein Andenken bewahren
wollen, so suchen Sie die Ehre meines Vaters herzustellen.
Eleonore, versprechen Sie mir, Alles zu thun, um die Recht-
fertigung meines Vaters zu bewirkcu!"

„Ich gelob' es!" schluchzte Eleonore.

Sigismund faßte ihre Hand. Dann sank sein Haupt in
die Kissen; er war todt.

Die Gräfin erhob sich, drückte einen Kuß auf die Stirne
des Edlen und schritt auf ihren Vater zu. „Auch Du ver-
nahmst seine letzten Worte! O geben wir dem Greise, der den
Sohn verlor, sein Recht zurück! Wende Du Mandls Proceß
zum Guten!" So sprach beschwörend Eleonore.

„Thörin!" rief Sommaruga. „Der Todte hier hat Dich
Zeit seines Lebens gering geschützt wie sein Vater. Und für
diese Hochmüthigen sollten wir uns bei Fürst und Welt er-
niedrigen ? Nimmermehr! Als eine Rasende müßt' ich Dich
bezeichnen, wenn Du Mandls Schicksal wenden ivolltest. Der
Alte bleibt ein verlorner Mann. Du sollst mir ihn bei Hofe
und im Staate nicht mehr möglich machen; dafür sorge ich."

Eleonore verhüllte ihr Angesicht und sank, zermalmt von
Seelenqualen, in einen Stuhl neben dem Lager des Dahin-
geschicdenen. Sie beschloß, still, trotz dem Vater, für den alten
Mandl zu wirken. —

Noch in derselben Nacht fertigte Sommaruga einen Eil-

5
loading ...