Fliegende Blätter — 65.1876 (Nr. 1615-1640)

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Bestellungen werden in allen Buch- und Kunst- Erscheinen wöchentlich ein Mal. Preis des Bandes

16. Handlungen, sowie von allen Postämtern und ^ (26 Nummern) 6 Mark 70 Pf., excl. Porto bei LXV. Ad.

Zeitungsexpeditionen angenommen. direktem Bezüge. Einzelne Nummern 30 Pfennige.

Schlechte Zeiten.

Von Ernst Eckstein.

Paul war Landschaftsmaler und Stammgast im „Einhorn"
Zu Grüningen. Jeden Abend trank er hier seine Flasche Jngel-
hcimer; des Samstags aber, wenn die Last und Hitze der Woche
glücklich vorüber war, ersetzte er den Jngelheimer durch eine Flasche
Champagner. Dies war so von dem Tage seiner Uebersicdelnng
un stehender Brauch gewesen; und zwei volle Jahre hindurch war
er nicht ein einziges Mal von dieser Norm abgewichcn, wie er
denn überhaupt — im Gegensatz zu vielen Kunstgenossen — ein
sehr geregeltes Leben führte.

Eines Tages — cs war wieder am Sonnabend — betrat

er den Saal des ehrwürdigen Gasthauses cttvas früher als sonst.
Er beschloß daher, die halbe Stunde bis zum Eintreffen seiner
Freunde am Lesetisch zuzubringen. Man unterhielt sich damals viel
und lebhaft über die orientalische Frage, dieses alte, langweilige
Gespenst unseres Jahrhunderts. Paul trat an den Lesctisch, wo
mehrere Bände illustrirter Zeitschriften anflagen- Er blätterte,
• und beschaute ohne sonderliches Interesse die Holzschnitte. In der
j Mitte des Bandes lag das Bruchstück einer politischen Zeitung-
Sein Auge fiel auf eine Correspondenz aus Wien, die in
diplomatisch-orakelhafter Weise die Situation beleuchtete und in
der Bemerkung gipfelte: „man tanze auf einem Vulkan, und
Niemand könne wissen, was die nächste Zukunft bringen werde."

Paul, der sich im Allgemeinen wenig mit Politik beschäftigte,
klappte das Buch nachdenklich zu. Das „Tanzen auf dem Vulkan"
schien seine Stimmung wesentlich zu beeinträchtigen. „Ver-
j wünscht," murmelte er vor sich hin, „der Krieg ist der ausge-
sprochene Feind aller Musen! Was soll ich nnfangen, wenn die
Ereignisse, an deren Vorabend wir dieser Correspondenz zufolge
angelangt sind, demnächst in die Wirklichkeit treten? Ein europä-
ischer Krieg! Das fehlte mir noch! Wer soll meine Bilder
kaufen, wenn die Granaten fliegen! Nein, nein, ich muß mich
bei Zeiten vorsehcn! Ich muß sparsamer leben, um für alle
Eventualitäten gerüstet zu sein."

Und siehe da! An diesem Abend geschah das Unerhörte.
Paul bestellte sich anstatt der gewohnten Flasche Champagner
eine bescheidene Jngelheimer, mit dem Bemerken: „Bei den schlechten
Zeiten darf man sich keine Extravaganzen erlauben."

Der Vorfall machte auf den Wirth, Herrn Grundhuber,
einen bedeutsamen Eindruck. Am folgenden Nachmittag, als
seine Frau ihn um das Geld für den üblichen Sonntagskuchen


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Titel

Titel/Objekt
"Schlechte Zeiten"
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Fliegende Blätter
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Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

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Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Mann <Motiv>
Zeitungsartikel
Warten <Motiv>
Landschaftsmaler
Missverständnis
Zeitungslektüre <Motiv>
Karikatur
Gaststätte
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

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Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Creditline
Fliegende Blätter, 65.1876, Nr. 1630, S. 121 Universitätsbibliothek Heidelberg
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