Fliegende Blätter — 65.1876 (Nr. 1615-1640)

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Weihnacht.

Keine Hütte bleibt verriegelt.

Ein tritt froh die Poesie,

Und wohin ihr Fuß geschritten.

Fehlt des Glückes Zauber nie.

Denn mit ihr, da kommt die Liebe,

Und die Liebe ist das Glück,

Und die Liebe bringt in dunkle
Herzen selbst das Licht zurück!

Deßhalb zieht ein heilig Klingen
Heute durch die stille Nacht,

Weil im Poesie-Gewände

Liebe ihre Runde macht. Dr Maroth.

Der Wirth zum goldenen Lämmle und die
Bauern von der schwäbischen Alb.

Es war in dem Monat, wo das Gras hoch steht; jeder
Bauer läßt sich um die Zeit gern „Heumann" nennen, wenn er
nur viel zu erwarten hat. Da läutet es zwischen ein und zwei
Uhr Morgens beim Lümmlewirth an, kaum daß er von seinem
vollbrachten Tag- und Nachtwerk zu Bette ging. — Es schellt
stärker und stärker! Fuchsteufelswild rennt er in die Aermel
seines Schlafrocks hinein und hinunter in das Wirthszimmer.
Er reißt das Fenster aus und schreit hinaus: „Was will man?"
Von drei untenstehenden Bauern erhält er die Antwort: „Wir
sent die Baure von der Alb und hent die Wiesa von Uirem
Nachbar, dem Kreuzwirth, pachtet; sent so guet und saget
eam au', daß wir morga net zum Mäha komma kennet."

Die Bosheit im Augenblicke einsehend, erwiderte der Lämmle-
wirth: „Ihr g'scheerte Albaflögel, i' will Euch die Lumperei scho'
hoimzahle!" Schlug das Fenster zu und ging zu Bett.

Die Sache wurde gleich in aller Früh stadtbekannt, denn
ein Stadtrath hatte die Geschichte gehört, und wenn der 'was
hörte, war es gerade so, als wenn es ein altes Weib ver-
nommen hätte. — Gegen IO Uhr stellten sich, wie gewöhnlich,
die Stammgäste beim Lümmlewirth ein, und wer auch kam,
war natürlich der geschwätzige Stadtrath und hänselte über die
vorgcfallene Geschichte den Lümmlewirth. Aber der war klug j
und schwieg. „Was wolle' die Herra srühsticke?" war seine
Frage. Der Eine verlangte saure Leber, der Andere Schweins-
nieren rc., Ochsenmaulsalat wollte der Stadtrath.

„Dös Hab' i' auf meiner Kart' net," sagte der Wirth,
„so cn ordinär« Ausdruck kenn' i' net; i' Hab' aber saure
Stadtrathslippa, wenn Se dia wolle'?"

Ein schallendes Gelächter sämmtlicher Gäste war die
Antwort auf den beißenden Witz. — —

Nun kam, wie jedes Jahr, die Zeit, wo Alles zeitig
wird und so auch der Wein. — Eines Morgens ließ der
Lümmlewirth seinen Braunen, der etwas mager war, einspannen,
um seinen fetten Herrn in den „Herbst" zu führen. Im
Chaussechäuslc wurde Mittag gemacht und zugleich ein „Mittags-
schläfle" darein gegeben. — Gegen 4 Uhr fuhr der Lümmlc-

Der Wirth zum goldenen Lämmle rc. rc.

wirth wieder gemüthlich weiter und zwar gegen Luitzhausen zu.
Es fing bald zu tröpfeln an und dann wurde es immer stärker

und stärker, cs kam ein starker Landregen, der auch einen
Städter ärgern konnte. Dem Braunen wurde mit der Peitsche
angedcutet, daß er schneller zu gehen hätte, allein er war nicht
so schnell in Laufschritt zu bringen und so wurde es dunkel,
bis man Luitzhausen erreicht hatte. — Zwei tüchtige Peitschenknalle
waren das Signal für den Posthalter, welcher sogleich unter
der Thüre erschien und seinen alten Freund herzlich begrüßte.
Denn der Lümmlewirth hat schon oft dem Posthnltcr, wenn es
nöthig war, mit Wein ausgeholfen, und er war auch allgemein
bekannt als Freund in der Noth, und nicht als nothiger
Freund, deren es so viele gibt.

Wie der Lümmlewirth in das Wirthszimmer tritt, sieht er
alle Tische mit Bauern besetzt, denn es war Samstag, — sie
kamen von der Ulmer Schranne und hatten die Beutel voll,
jetzt mußten die Mägen auch voll, und wenn auch bei Manchem
übervoll werden. Nur der kleine Tisch neben der Thüre war
leer und da meinte der Posthalter, ob der Freund mit dem
kleinen Platz vorlieb nehmen wolle, denn cs gehe halt nicht anders.

„Vorderhand schon!" sagte der Lümmlewirth.

Obwohl durch und durch naß, war sein erstes, 'was
Warmes zu essen, und ein Schoppen guten rothen Zwölfers.

Der Posthalter erkundigte sich um das Befinden des
Freundes; aber statt, wie gewohnt, heitere Antwort zu erhalten,
brummte er mürrisch in den Bart und sah ärgerlich an den
von Bauern stark belagerten Ofentisch hinüber, wo cs ganz gc-
müthlich warm sein mußte.

„Was machst Du denn heut für an wetterwendischa Kopf?"
frug der Posthalter.

„G'rad dös Sauwetter Hot mir da Kopf g'wendet und
wenn ma no' dazu d'Geldgurt verliert —" letztere Worte
betonte er stark — „no' möcht' i' den kenna, der in solchem
Fall Juh schreia thät!"

„Was! Geldgurt?" frug der Posthalter. (Die Bauern,
welche sich um den Ankömmling zuerst gar nicht kümmerten,

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"Der Wirth zum goldenen Lämmle und die Bauern von der schwäbischen Alb"
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G 5442-2 Folio RES

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Entstehungsort (GND)
München

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Publikation

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Restaurierung

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Thema/Bildinhalt (GND)
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Pferd <Motiv>
Regen <Motiv>
Kutsche <Motiv>
Landstraße
Karikatur
Satirische Zeitschrift

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Fliegende Blätter, 65.1876, Nr. 1640, S. 202 Universitätsbibliothek Heidelberg
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