Marées-Gesellschaft [Editor]
Ganymed: Blätter der Marées-Gesellschaft — 5.1925

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HERMANN E S S W EIN / HIERO N YMUS BOSCH

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PHYSIOGNOM1SCHES ZUR KUNST DES
HIERONYMUS ROSCH
VON
HERMANN ESSWEIN
Die Physiognomie des Künstlers ist zuverlässig auch immer die Phy-
siognomie seiner Kunst, aber im Falle des Hieronymus von Aachen
fragt es sich zunächst, ob der Maßstab selber ein zuverlässiger sei.
Die beiden uns erhaltenen Dokumente differieren beträchtlich. Der Stich
Cocks und die als Selbstbildnis authentischere Handzeichnung in Arras
könnten Brüder darstellen. Dem Cock hätte dann der Ältere, dem Leben
Fernere, ein gar nicht mehr weit vom Grab entfernter Asket Modell ge-
sessen, ein Typus, dem wir die Kunst des Hieronymus Bosch so gern
glauben, daß wir den vitaleren, auch sonst in erheblichen Zügen abwei-
chend gekennzeichneten Mann von Arras gerade im Hinblick auf seine
Eigenschaft als Selbstbildnis noch eher für aufgefaßt als für dokumen-
tarisch zu halten geneigt sind.
Was hat die Kunst des Bosch von der saftigen und maliziösen Breite dieses
großen Mundes, in dessen Winkeln spöttische Teufel sitzen? Sicherlich
nicht soviel, als von der weichen und feinen Gekniffenheit des nämlichen
Mundes bei Cock, wo die Nase schmäler, nicht so rustikal derb, die
Augen, runder zusammengenommen, viel mehr autarkisch in eine Ferne
des Traumes und der Philosophie, als prüfend, aggressiv ins Antlitz des
Beschauers bohren. Die Stirn von Arras zieht kluge und nachdenkliche
Falten. Ihr Besitzer ist ein Alter, der ein blühendes, volles, überreiches
Leben hinter sich gehabt haben könnte. Die Stirn bei Cock ist wie in
grausamen Schmerzen vorgewölbt, trägt ein bleiches Licht, paßt gut zu
den knöchernen Händen mit dem didaktisch aufgestemmten, etwas pe-
dantenhaften Zeigefinger.
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