Marées-Gesellschaft [Editor]
Ganymed: Blätter der Marées-Gesellschaft — 5.1925

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WILHELM HAUSENSTEIN/CHARONTON

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MIT EINEM BILDE DES CHARONTON
VON
WILHELM HAUSENSTEIN
Die Größe echtester französischer Malerei geht um die Mitte des fünfzehnten Jahr-
hunderts auf: sie heißt für erste Enguerrand Charonton.
Wir wissen von ihm das Nötigste: daß er um i4 io in der Diözese von Laon geboren wird
(eine andere These setzt seine Heimat nach Lyon); daß er zwischen 1441 (oder i44?) und
i46 1 zu Avignon arbeitet; daß er 1462 ein Bild der barmherzigen Maria malt, das jetzt
dem Musee Conde zu Chantilly gehört — auch daß dies schöne, wunderschöne Bild der
schutzgebenden Maria von dem Limosiner Pierre Villate vollendet wird; daß Charonton,
auch Charton, Quarton, ja Charretier geheißen, für die Chartreuse Villeneuve-lez-Avignon
eine Krönung Mariae malt — dies in den Jahren 1453 und 14^4 (und unter vertraglichen
Bedingnissen, die erhalten sind); daß Charonton auch Banner malt, wie viele große Maler
des Jahrhunderts Standarten und Waffenröcke mit heraldischen Zeichen bemalen; endlich
daß er nach 1461 dahingeht.
Die Misericordia Mariae entsteht nach einer Bestellung, mit der Jean Cadard und Jeanne
Cadard, geborene des Moulins, dem Charonton begegnen. Das Bild wird in die Chapelle
de Saint-Pierre de Luxembourg bei den Cölestinern von Avignon gestiftet. Die beiden
Stifter sind zur Rechten und Linken der schutzgebenden Jungfrau als knieende Adoranten
an Betpulten dargestellt; den Mann präsentiert empfehlend Johannes der Täufer, die Frau
Johannes Evangelista; dieser ist Patron der Jeanne, jener ist Patron des Jean. Die beiden
Stifter sind aufs Dichteste versichert: wem kann es besser gehen als ihnen, deren mensch-
liche Kleinheit, obzwar eine rührende Kleinheit wie die von Kindern, zwischen der Jung-
frau, zwei Heroen des Neuen Testaments und einer Schar von Päpsten, Kardinälen, Bi-
schöfen, Königen, Pfaffen und Laien aufgehoben ist ? Den Hintergrund, der etwa gefährlich
werden könnte, den Hintergrund, den sonst wohl die Welt erfüllt, vermalt hier ein ver-
zierter Goldgrund; eine goldene Wand — mehr als Wand: Himmel, Unendlichkeit, Luft
in der Gestalt einer goldenen Bastion, einer goldenen Veste, die so stark ist, wie nur ein
Gedanke stark sein kann.
Die Madonna — welche Dame! Welcher Wuchs, welche Taille! Die Feierlichkeit des Em-
pire, noch nicht geboren, kreuzt sich voraus mit der Eleganz einer Gotik, deren Feinheit
das klassische Maß nicht verlieren kann. Das klassische Maß, das immanent ist — und die
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