Marées-Gesellschaft [Editor]
Ganymed: Blätter der Marées-Gesellschaft — 5.1925

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JULIUS MEIER-GRAEFE

LOVIS CORINTH
VON
JULIUS MEIER-GRAEFE
In der Generation nach Maries und Leibi gibt es ein grobes Kaliber.
Die Grobheit verdeckt seine Größe. Ein Mensch aus germanischer Wild-
nis. Man kann sich ihn behaart denken. Ein Urmensch, der in München
auf der Akademie war. Er brach in die Kunst ein. Zufällig hatte er statt
der Keule Malerzeug in der Hand. Man muß alle Gedanken an Disziplin
draußen lassen, alle Gedanken an eine disziplinierte Gesellschaft, in deren
Dienst ein Künstler Porträts und andere nützliche Dinge malt. Nur wenn
es keine Gesellschaft mehr geben sollte und sich die Forderungen eines
geschätzten Publikums als Vorurteile herausstellen sollten, hat der Ur-
mensch recht. Poussin würde sein Antlitz verhüllen. Wenn es keine Ge-
sellschaft geben sollte, so könnte Delacroix gesagt haben, müßte man sie
erfinden. Corinth meint anders. Wenn es keine Gesellschaft mehr gibt,
muß man beim Malen nur an die Dinge denken, die man malt. Übrigens
ging er früher gern in die Berliner Gesellschaft, aß, betrank sich, tanzte
bärenhaft mit kleinen Frauen herum; es sah komisch aus. Er trug einen
Bratenrock bei solchen Gelegenheiten und redete nicht viel. Die Berliner
Gesellschaft bügelte ihn nicht. Womöglich fand er sie komisch, ließ aber
nie dergleichen verlauten. Leute, die seine Bilder kauften oder kaufen
sollten, verdienten Respekt. Seine Malerei war die Zerfleischung einer kon-
ventionellen Methode, die seiner Keule Widerstände entgegensetzte. Er
behielt oft noch in der Wüstheit einen fatalen Beigeschmack von Kon-
vention. Diese akademischen Reste hingen wie Lappen um eine uner-
schütterliche Realität. In einer Zeit, da sich durch die Hintertür des Ge-
schmacks und der Disziplin der Gegenstand aus den Bildern entfernte und
man ein besonderes Klingen der Farbe, ein Kreuzen der Linien für letztes
Resultat des Erlebnisses nahm, kreuzigte er den Heiland und schlug mit
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