Marées-Gesellschaft [Editor]
Ganymed: Blätter der Marées-Gesellschaft — 5.1925

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ALFRED BAEUMLER/HILDEBRAND ALS ZEICHNER

HILDEBRAND ALS ZEICHNER1
VON
ALFRED BAEUMLER
In Hildebrands Umgebung batte niemals ein Buch wie Karl von Pidolls „Aus der Werk-
statt eines Künstlers" geschrieben werden können. Mag das Bedürfnis nach theoretischer
Klärung künstlerischer Angelegenheiten in ihm noch so stark gewesen sein, wesentlich
lebte Hildebrand doch mit der ganzen Kraft seiner Natur in der unmittelbaren Anschauung.
Man beurteilt ihn ganz falsch, wenn man immer nur an das „Problem der Form“ denkt.
Durch diese Schrift gehört er — mit welch absoluter Selbständigkeit, wird erst der Brief-
wechsel zeigen — in den Kreis, dessen menschlich-gesellschaftlicher, nicht geistiger, Mittel-
punkt Fiedler war. Seine eigene künstlerische Praxis jedoch war weit davon entfernt,
theoretisch faßbar oder vom Theoretischen her bestimmbar zu sein. Sein naives Naturell
brach immer wieder siegreich durch. Bei aller Bedachtsamkeit und Überlegtheit war ihm
das Planmäßige, manchmal allzu konsequente Vorgehen, das Marees liebte, doch fremd
und fern. Der Eindruck hatte eine ganz andere Macht über ihn. Hildebrand lebte immer
in unmittelbarer Berührung mit der Wirklichkeit, ganz anders als Marees, dessen tägliche
Genossin nicht die Natur, sondern das Ideal selbst in seiner ganzen strengen Unbedingt-
heit war.
Diese Verschiedenheit der beiden Künstler läßt sich gut an ihrem Verhalten zur Zeichnung
erkennen. Für Marees gibt es eigentlich nur zwei Arten der Zeichnung: den Kompositions-
entwurf und die Aktstudie. Jene geht auf den Zweck, diese auf das Mittel. Das ganze ab-
strakt-unbedingte Verhältnis dieses Ringenden zur Kunst gelangt darin zum Ausdruck.
Wirft man dagegen auf Hildebrands Zeichnungen nur einen Blick, so ist man zunächst
überrascht von der Buntheit dieser Welt. (Meine Auswahl, die unter dem hier angegebenen
Gesichtspunkt veranstaltet wurde, ist nicht überall in diesem Sinne verstanden worden.)
Daß Hildebrand kein talentvoller Zauberer, Improvisator und Impressionist, sondern ein
architektonisch überlegender, wählender, sorgfältiger Arbeiter war, ist’aus seinem Werk
leicht zu ersehen. Wieviel Fülle und Buntheit in ihm steckte, wie groß seine Eindrucks-
fähigkeit, wie beweglich seine Phantasie gewesen ist, erfährt man aber erst aus den Zeich-
nungen. Die in unbefangener Liebe zur Erscheinung sich äußernde lebendige Wärme des
Mitgefühls, die jeder spürte, der ihm nahe kam, findet darin Ausdruck, daß der strenge
1 Bei R. Piper & Co., Verlag, erschien: Adolf von Hildebrand, Handzeichnungen. Mappe mit 36 zum Teil
mehrfarbigen Faksimiles.
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