Wörner, Ernst
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Rheinhessen: Kreis Worms — Darmstadt, 1887

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KREIS WORMS

Worms vorfand und den nachmals die Kirche dadurch beseitigte, dass sie die Parzen
in die drei christlichen Jungfrauen Embede, Warbede, Willebede verwandelte*).

Die Völkerwanderung kam, und die deutschen Stämme zertrümmerten die
römische Herrschaft. Zu Anfang des 5. Jahrhunderts drangen die Burgundionen
über den Rhein und gründeten ein Reich, dessen Mittelpunkt die alte Vangionen-
stadt wurde. Seit 413 ist Worms im ruhigen Besitz des Königs Gundahari, dessen
Geschlecht in der Sage unter dem Namen der Nibelunge fortlebte. Er ist der König
Gunther des Nibelungenliedes, dessen Hof allerdings in seinem Gemisch von Barbarei
und antiker Kultur einen anderen Charakter gehabt hat, als ihn die Schilderung
des höfischen Ritterepos dem Guntherischen Hofe beilegt. Aber wie der Gunther
der Sage, so erlag auch Gundahari mit seinem Volke den Streichen der Hunnen
(437). Und die Katastrophe des tapferen deutschen Stammes ergab die Grundlage
für das grösste deutsche Nationalepos, das Nibelungenlied**). Alemannen und
Franken dringen nun auf dem linken Rheinufer vor; die Schlacht von Zülpich, in
der Chlodovech die alemannische Macht vernichtete, lieferte mit dem linken Rhein-
ufer auch Worms in die Hände der Franken. Und bald, im 6. oder 7. Jahrhun-
dert taucht der ursprüngliche Name wieder auf, der der Stadt geblieben ist. Aus
Borbetomagus wird Warmatia (Warinacia) in der zweiten Recension der Notitia
Galliarum ***) oder Garmetia bei dem Ravennatischen Geographen f). Auch
das Christentum gewinnt jetzt Boden, und gerade in Worms haben sich eine Reihe
von frühchristlichen Grabsteinen mit Inschriften gefunden, welche uns u. a. die
altdeutschen Namen Ludino, Unfachlas, Pauta, Puasi, Quito, Sicco, Boddi, lvio,
Grutilo, Aldvaluhi überliefert haben ff). Der fränkische Friedhof sc'hloss sich an-
mittelbar an den römischen im Norden der Stadt an, beide gehen ineinander üb* ,-.
Dass die Franken jedoch der Römerkultur ziemlich fremd gegenüberstanden,
beweist ihre Verwendung von römischen Inschriftsteinen als Grabplatten; mehrere
Beispiele hiervon zeigt das Paulusmuseum. Originell und bedeutend sind die frän-
kischen Grabfunde in Worms. Ausser im Norden sind auch im Westen nördlich
der Andreasstrasse, dagegen bis jetzt nicht im Süden fränkische Reihengräber
gefunden worden.

Die Stadt Worms besass bereits unter der Regierung des Merovinger Königs
Chilperich I. (561—584) einen Bischof, welcher der Domkirche vorstand und seinem
Stift schon damals Rechte in und ausserhalb der Stadt, besonders auch auf dem
rechten Rheinufer zu erwerben verstand. Vielfach hielten sich die merovingischen
Könige und nach ihnen die karolingischen Kaiser in Worms auf. Sie besassen
einen Palast in der Stadt, welcher im Jahre 791 abbranntetff). Pippin hielt
Reichsversammlungen zu Worms im Jahre 763, Karl der Grosse 770, 776, 786,
787. Karl feierte mehrfach Weihnachten zu Worms. Ludwig der Fromme hielt
daselbst 836, 839, 840 Versammlungen. Eine gewisse Blüte der Stadt unter den

*) Rieger in den Quartalbl. des bist. Vereins 1884 Nr. 1—4, S. 7 f.
**) S. Rieger ebenda 1881, S. 25 f.
***) Bei Brambach, Rhein. Mus. 23. p. 276, 282 und Seeck S. 263.
t) Zangemeister a. a. O.

tt) Bei Lindenschmit Altert, der heidn. Vorzeit I. 3, 8, II. 5, 5.
ttt) Abel & Simson. Jahrb. des fränk. Reichs unter Karl dem Gr. II, S. 14.
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