Wörner, Ernst
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Rheinhessen: Kreis Worms — Darmstadt, 1887

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WORMS

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welchem der Löwe hinaufspringt, ihr gegenüber auf der rechten Seite der Apostel
S. Johannes mit einem Buch und Paulus mit dem Schwert. Unter dem Bischof dessen
Wappen von einem Engel gehalten, auf der anderen Seite ein weiteres. Die Figuren
stehen unter Baldachinen, die sich aus naturalistischem Astwerk zusammensetzen. Ein
von eben solchem Ornament umsponnenes Postament dient als Bekrönung des spitz-
bogigen Rahmens und trägt ein männliches Brustbild, welches nach Falk Gottvater
vorstellen soll*).

Verkündigung Maria (Fig. 97). Die mit einem in der Form des Esels- Verkündigung-
rückens gebildeten Bogen überspannte Darstellung zeigt in der Mitte die knieende
Gestalt der Jungfrau, von deren Schultern ein reicher Mantel fliesst; der Engel
tritt zu ihr, gleichfalls mit einem solchen Mantel bekleidet. Uber dem Fenster
zwischen ihnen Gottvater. Zur linken dieser Gruppe kniet der Donator, in geist-
liches Gewand gehüllt, sein Wappen (Kopf mit Binde) unter sich. Beigegeben sind
sechs Heiligenstatuen, von denen aber nur Barbara und Johannes bestimmbar sind.
Der Realismus der Darstellung zeigt sich besonders auch in der Ausstattung des
Zimmers, in dessen Höhe ein Wandbrett mit einigen Büchern und Schachteln
angebracht ist, wie es dem Meister vielfach in Bürgerzimmern begegnet sein
mochte. In den Hohlkehlen des Bogens sind von männlichen Figürchen gehaltene
Bänder angebracht mit folgenden Sprüchen (nach der Ergänzung der nicht mehr
erkennbaren Buchstaben durch Falk): Suscitabo David germen justum, Veniet desi-
deratus cunctis gentibus, Ecce virgo concipiet et pariet. Auf einem weiteren lesen
wir nur noch: • • • • qui sit donator. Unten ein Engel mit einem Schild, worauf
steht: Regina coeli laetare, alleluia, und ganz unten die Widmung (in Minuskeln

geschrieben): öoctor jotj. Cjcnrbium nogfrre rebnnprionis trirmc rec0lamugt 1487.

Geburt Christi. (Fig. 98). Diese Darstellung zeichnet sich hinsichtlich des Geburt Christi
Reichtums der Komposition und der auf der Höhe stehenden technischen Aus-
führung besonders aus. Im Vordergrund kniet Maria, eine Erscheinung von Lieb-
reiz und Anmut der Gestalt, vor dem Kinde; zwei Engel knieen dabei; gegenüber
steht Joseph. Diese Figuren, wie die Umgebung sind mit anziehender Realistik
gehalten, echt aus der Wirklichkeit entnommen und doch verklärt von dem ergreifen-
den Strahl einer naiven Kunst. Wir erblicken über den Mauern des Stalls hinaus,
in dem der Heiland der Welt in der Windel liegt, ein Hirtenhaus; aus dem Fenster
schauen Hirte und Hirtin in der Tracht der Zeit. Ein Berg, von einer Burg,
ein anderer mit einer Stadt bekrönt, ragen am Horizont auf. Neben dem vom
Berg herab rieselnden Quell weiden Schafe; ihr Hirte blickt hinauf zu den Engeln,
welche vom Himmel hernieder schweben. In den architektonisch reich gegliederten
senkrechten Teilen der Umrahmung stehen in Nischen auf Säulen und unter Bal-
dachinen vier Heiligenfiguren. Bemerkenswert sind die auf dem darüber folgenden
Halbkreisbogen in Wolken in mannigfaltigster Weise musizierenden Engel. Die
Donatoren knieen ausserhalb des Bildwerks auf Konsolen, unter denen, von Engeln
gehalten, die Wappen angebracht sind. Links der Donator mit seinem Patron,
rechts eine Frauengestalt mit dem bis ins kleinste durchgearbeiteten Kostüm der

*) Uber dies Bildwerk s. die in Erscheinen begriffene Schrift von Morneweg, Joh. von Dalberg S. 118,
woselbst Abb. der Figur des Bischofs Johann.

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