Zeitschrift des Kunst-Gewerbe-Vereins zu München — 1882

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Nach bau im kgl. Bayer. Nationalnniseum befindliche» Originale anfgenomine» von G. Lehn er.

Das Buch als Gegenstand des Lunstgewerbes.

Von Vr. k^uttler.

Irwägt man auch nur m
großen Zügen die Be-
deutung des Buches für das
Kulturleben der Menfchheü
und der als Träger der

Zivilisation hervorragenden

Nationen,

erwägt man, daß an
Buche und den Büchern die
Offenbarungen der Welt des
Geistes sich niedergelegt, fixirt
und für unübersehbare Zei-
ten aufbewahrt finden,
daß in Büchern die reichen Früchte des (

gens und Schaffens der bevorzugtesten Geister er ^ c

aufgespeichert siiid, .

daß Bücher es sind, die in Verbindung ' ^

bendigen Worte und der schaffenden That er
Bahn brechen, dieselbe erhalten, ja selbst er wo ^ ^cn
neues Leben einzuhauchen verniögen, wie wir as
Zeiten des Humanismus und der Renaissance er e ,

daß Büch-, -- lind, di. unsere ^

Helsen, d»s Mannesaller znr geistigen vostrest-
und uns als Greisen noch die Quelle der re ms rN

und geistigen Verjüngung werden, Pietät

dann begreift man es, daß fast jede O>-

uiid Ehrfurcht vor dieseni Bannerträger ^ ?i„Kere

dadurch an Öen Tag zu legen suchte, daß sie sti ' 5

Erscheinung wie die innere Ausstattung entsprechend seinem
geistigen wertste ihm zu geben beflissen war, uiid gerade
je höher sie denselben hielt, ihn in ein um so kostbareres
Gewand hüllte.

Und das war in der langen, langen Zeitperiode, welche
nur geschriebene Bücher kannte, sogar in noch weit
höherem Maße der Fall, als nach Erfindung des Buch-
druckes, der als ein sogenannt vervielfältigendes und zu
einem guten Theile mechanisch wirkendes Runstgewerbe
nicht mehr eine solch kostbare Fracht an die Menge seiner
Erzeugnisse zu verschwenden vermochte, wie das die Land-
arbeit an einzelnen Exemplaren zu thun im Stande war,
dafür uns aber freilich das unschätzbare Gut eintrug, daß
das, wenn auch einfach und schlicht ausgestattete Buch seine
civilisatorische Wirkung nicht blos im palaste des Reichen,
sondern auch in der letzten lsütte des Armen auszuüben
vermag.

Es würde uns zu weit führen, wenn wir das g e-
sammte Schriftwesen, auch das des Alterthums, in
unseren Vortrag hereinziehen würden; wir müssen uns be-
gnügen, die Tulturländer seit Beginn des Mittelalters Revue
paffiren zu lassen, weil erst von dieser Periode an von einer
eigentlich künstlerischen Ausstattung des Buches die Rede
sein kann.

Soviel nun aber auch von den herrlichen Schrifterzeug-
nissen, welche das Jahrtausend vor Erfindung der Buch-
druckerkunst zu Tage gefördert hat, durch Krieg und Brand,
verheerende Volksbewegungen und elementare Ereignisse
zu Grunde gegangen sind, und noch mehr der Vandalismus
des wechselnden Aunstgeschmackes, Unkenntniß und Habgier

2^'lchrift der Uunstgewerbe-vereins München.


(882. Heft 3 Sc H <Bg. ().
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