Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 28.1917

Seite: 134
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Schriftfanatismus auf unzureichender historischer Kenntnis
führt am allerwenigsten zur Verständigung. Es ist aber
zu hoffen, daß in gemeinsamer Arbeit von Paläographen,
Schriftkennern und Schriftkünstlern diese Verständigungs-
grundlage noch geschaffen wird. Nicht einseitig zugunsten
der Fraktur und nicht einseitig zugunsten der Antiqua!
Sondern jede Schriftform an ihrem Platze! mag es dann
heißen. Die Schrift überhaupt, nicht eine einzelne ihrer
Ausdrucksformen, soll siegen.

Unserem Kunstgewerbe hier einen Begriff von dem
Reichtum zu geben, den wir seit 20 Jahren an neuen
Künstlerschriften haben, erscheint ganz unmöglich. Nur
das Wesentlichste sei daher aus der Fülle der Schöpfungen
herausgegriffen. Wir preisen heute wieder die Eckmann
und die erste Behrens als vornehme Vermittlungsschriften,
die gegenüber dem Münchener Traditionalismus in unser
Schriftwesen den modernen Zug brachten. Auch die Neu-
deutsch von Otto Hupp gehört dazu, ebenso die Neuwerk-
type von Georg Schiller. Steinschriftcharakter haben die
Langschrift und die Meier-Schrift, ebenso die Ehmckesche
Rustika. Unter den Antiquaiormen, um bei diesen zunächst
zu bleiben, müssen die Hupp-Antiqua, die Nibelungen-
schrift von Sattler, die Unziale von Hupp, die Behrens-
antiqua, die Schriften von Tiemann, Behrens, Henske,
Glaß, Kleukens, Grasset, Ehmcke, Hajduk, Hölzl, Deutsch,
Grüner, Cissarz, Grimm-Sachsenberg, Gipkens, Jacoby-Boy,
Bernhard, auch die Lemmen hervorgehoben werden.
Prächtige Kursivtypen haben Behrens, Tiemann, Ehmcke,
Matthes, Wieyink (Trianon) geschaffen. Aus den alten
Lagern der Schriftgießereien sind viele alte Gotisch und
Schwabacher zu neuem Leben erweckt worden, Hupp, Bar-

lösius, Beck-Gran, Belwe, Heinz-König, Schneidler, Rudolph
Koch fügten eine ganze Reihe moderner Schriften dieser
Gattung hinzu. In den letzten Jahren wurde besonders
die Fraktur angebaut von Tiemann, Ehmcke, Hupp, Wie-
yink, Schoppmeyer, Salzmann, Spitzenpfeil, Laudahn, Liebing,
Buhe, Schiller, E. R. Weiß, Kleukens, Steiner-Prag. Alter-
tümliche Schriften, die in den letzten Jahren bei der Reichs-
druckerei, bei Enschede, bei Drugulin, bei Poeschel neues
Leben gewonnen haben, sind die Ungerfraktur in ihren
verschiedenen Schnitten, die Didot, die Jean Paul, die
Breitkopf, selbst Civilitelettern wurden wieder erweckt,
von Formen, wie der Elzevier, Plantin, Tabard, Sorbonne,
zu schweigen, die in verschiedenartiger Fassung ihren
Charakter in unsere Zeit hereingetragen haben. Die von
England herübergekommene Morrisgotisch und Morris-
antiqua ergänzt den Kreislauf und deutet zugleich an, daß
wir in diesen Formen nur bei unserer eigenen alten Kultur
wieder angeknüpft haben.

Schon diese wenigen Hinweise mögen von unserm
neuen Schriftenreichtum einen Begriff geben. Wenn ihr
wollt, habt ihr eine deutsche Schriftkultur, — so möchte
man einen Ausspruch Wagners abwandeln. Unser Kunst-
gewerbe hätte es nun in der Hand, aus diesem Schriften-
Vermögen für seine Hervorbringungen den größten Nutzen
zu ziehen, wenn es unserer neuen Schriftkultur nur etwas
weniger teilnahmslos gegenüberstehen möchte. In der
Wirkung eines Kunstwerkes ist die Schrift eines der wich-
tigsten Elemente, in den kunstgewerblichen Werkstätten
wie in den Zeichenstuben der Baukünstler und in den
Bauhütten selbst müßte ihr ein neues Interesse, eine neue
Pflege gewidmet werden.



KUNSTGEWERBLICHE RUNDSCHAU







Großherzog Ernst Ludwig und die Kunst. Man

kann von der Arbeit der Darmstädter Künstlerkolonie nicht
reden, ohne des Großherzogs Ernst Ludwig zu gedenken,
des Fürsten, der durch die liebenswürdige Vorurteilslosig-
keit seines Wesens so viel von sich reden macht. Der
nicht nach dem Parteibekenntnis eines Politikers fragt, mit
dem er gerade über eine wichtige vaterländische Angelegen-
heit reden will und den darum die radikale Presse als eine
Art gekrönten Demokraten hinzustellen liebt, als wenn
Freiheit des Gedankens und Vorurteilslosigkeit unbedingt
die Kennzeichen demokratischer Gesinnung seien. Der
am Weihnachtsabend in der Herberge zur Heimat armen
Rittern von der Landstraße durch seine freundliche Gegen-
wart zeigt, daß sie sozusagen auch noch Menschen sind.
Der mit ungezwungener Freundlichkeit, sei es am Ver-
kauf sstand eines Wohltätigkeitsfestes, sei es gar in einer
Mainzer Narrhallasitzung mit seinem Volke verkehrt, das
ihm dafür mit einer aufrichtigen und schlicht menschlichen
Zuneigung dankt. Der mit einem Wort ein liebenswerter,
echt süddeutscher Mensch ist. Wollte man diesen charakte-
risierenden Bemerkungen nur noch die hinzufügen, daß
Ernst Ludwig ein feinfühliger Ästhet und ein künstlerisch
begabter Mann ist, so würde ein solch oberflächliches
Urteil zwar einen ungewöhnlich sympathischen Menschen,
aber eben doch nur einen auf den Höhen des Lebens
wandelnden Lebenskünstler bezeichnen. Das heißt, es
würde ihm nicht genug tun. Jeder, der ihn einmal mit
der fortreißenden Beredsamkeit eines ganz von einer Sache
Erfüllten, in seinen stets den Kern treffenden Worten
über seine künstlerisch-kulturellen Leitgedanken hat sprechen
hören, wird dem zustimmen. Ernst Ludwig ist wirklich
mehr. Er ist ein Erzieher seines Volkes zur künstlerischen

Gesamtkultur. Was er, gefördert von gutem Blick für das
Detail, von praktischem Sinn, von unerschütterlichem
Glauben an den Erfolg, unterstützt von einem so klugen
und unermüdlichen Helfer wie seinem Kabinettsdirektor,
dem Geheimrat Römheld, mit der im Jahre 1899 unter
Berufung von sieben jungen Künstlern vorgenommenen
Gründung der Darmstädter Künstlerkolonie bezweckt, läßt
sich vielleicht im Sinne seiner und seiner Mitarbeiter Ideen
auf diese kurz zusammenfassende Formel bringen: die
Kolonie, diese Gruppe von Architekten, Malern, Bildhauern
und Kunsthandwerkern soll Kultur schaffen. Sie soll be-
fruchtend auf alle Zweige der künstlerischen Kultur wirken,
und zwar nach den Grundsätzen der Einfachheit, der Klar-
heit, der Reinheit in Linie und Farbe, der wahrhaft zweck-
geborenen Schönheit der Formen. Die Kolonie soll nichts
Starres, Feststehendes, nach unabänderlichen Regeln Ge-
ordnetes sein, die Künstler sollen kommen und arbeiten,
und wenn sie weitergehen, so trägt das die Wirkung hinaus,
ohne das Bestehen der Einrichtung zu erschüttern. Von
der Künstlerkolonie soll eine Erziehung des Publikums
ausgehen, vor allem zum künstlerischen Mitleben und Mit-
fühlen und eine Erhöhung seiner Geschmackskultur. Die
industrielle Massenproduktion hat das Publikum verwöhnt,
so daß es verlernt hat, beim Künstler zu bestellen, wie es
eine künstlerisch erzogene Individualität vorschreiben soll.
Aus den Werkstätten der Künstlerkolonie soll die erzieh-
liche Anregung hervorgehen, vermöge deren der Besteller
dem Künstler sagt: formen Sie mir einen Weinbecher, aus
dem ich täglich trinke, oder einen Becher, den ich an Fest-
und Ehrentagen hervorhole. Bilden Sie mir ein Geschenk,
dessen Schönheit aus seiner Zweckmäßigkeit geboren ist,
Wieviel Entsetzliches, Unpraktisches, häßlich Dekoriertes,

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