Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DAS ROTE HÄUSCHEN

stände, was sich nicht erweisen läßt, käme es nicht darauf
an. Sogar wenn es nur die hundert Ägyptologen gäbe und
sie allein etwas Vernünftiges mit dem Diorit anzufangen
wüßten, wären sie berechtigt, das Häuschen abzutragen.
Gegen die ganze Welt, immer zu! Es lebe der Fanatismus!
Alles Vernünftige kann nur mit Hundert rechnen, wenn
gegraben werden soll. Hundert sind schon sehr viel.

Nur: ist es das Vernünftige? Treibt es sie zum Fanatis-
mus? — Es hat Fanatiker gegeben, z. B. Champollion, der
vor hundert Jahren den Schlüssel der Hieroglyphen ent-
deckte. Die ersten Franzosen, die hier gruben, waren Fa-
natiker, auch die ersten Deutschen. Das Urbane in un-
serer Familie, nicht die Geschichte, sondern die Kunst,
steckte sie an. Auch Mariette, der in den fünfziger Jahren
der Raublust fingriger Konsuln einen Riegel vorschob und
die staatliche Ausgrabung organisierte, war so einer. Er
brachte die Hauptwerke zusammen, und wenn er noch
lebte, sähe das Museum, seine Gründung, anders aus.
Heute wirft man seiner Methode mangelhafte Wissenschaft
vor, weil er die Fundorte nicht gründlich genug bestimmt
hat, vergißt aber, was alles bei dieser unmethodischen
Art herauskam und was auf dem Spiel stand. Soll einer
messen und tüfteln, wenn der Boden unter den Füßen
brennt. Bevor man ordnen konnte, mußte erst etwas da
sein, und Mariette wollte so schnell, so viel wie möglich
zusammenbringen, um einen Besitz zu konstituieren. Er
hatte gegen den Appetit der eigenen Landsleute und die
Gleichgültigkeit der Ägypter zu kämpfen. Eugenie streckte
die Hand nach der Spielerei aus, und Ismail-Pascha, immer
in Geldnöten, sagte nicht nein. Mariettes Fanatismus
wehrte sich gegen Napoleon III. und gegen Ismail, und
Ägypten blieb in Ägypten. Das wird alles nicht so einfach
gewesen sein, und dabei blieb für saubere Feststellungen
nicht Zeit und Lust genug übrig.

Keiner der ägyptischen Herrscher oder Scheinherrscher

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