Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DER MOKATTAM

Als ich neulich einem Schweizer sagte, es sei ein Ge-
birge, lächelte er, denn der Mokattam wird nicht viel über
hundert Meter haben. Kein Schweizer begreift, daß die
Schönheit eines Gebirges von seiner Höhe so unabhängig
ist wie der Geschmack eines Leberknödels von seinem
Kubikinhalt und daß Kairo empfindlichen Schaden litte,
wenn der Mokattam auch nur die halbe Höhe des Rigis
besäße. Nur Zigarren dürfen übergroß sein. Der Mokattam
ist ein humanes Gebirge und gehört zur Stadt, die Lehne
des Sessels, auf dem Kairo sitzt; paßt zu dem Nil und
seinen Inseln und zu dem Häusermeer, und die Pyramiden
in der Ferne könnten seine Vorposten sein. Ähnliche
Höhenzüge begleiten das ganze Flußtal bis tief in den
Süden, und die Zugänglichkeit dieses Szenariums hat sicher
ebensoviel zur Rildung des ägyptischen Formensinns bei-
getragen wie Paris mit der Seine zu der Kunst der Fran-
zosen und Venedig mit den Lagunen zur Schule Tizians.
Auf Rergen kann sich höchstens Raubritterwesen und
Kropf und uferlose Metaphysik entwickeln. Übrigens ist
der Mokattam hoch genug für Kletterer, die den Hals ris-
kieren wollen, wie hier berichtet werden soll.

Wir hatten ihn schon im Anfang kennengelernt, als
unsere Leidenschaft für die Pyramiden im Werden war,
und wir erfuhren, daß die Alten sich hier die Steine für
die Pyramiden geholt hatten. Ich glaube, es war unser

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