Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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KONSTANTINOPEL

VV ir fuhren mit dem Architekten und seiner hübschen
Frau und hatten gutes Wetter. Die Akropolis, als ob sie
mich zum letzten Male narren wollte, zeigte kurz nach der
Abfahrt aus dem Pyräus ihr bestes Gesicht. Der Giebel
des Parthenons stellte sich in die Front, und S. Giorgio
verband sich mit dem Hügel der Akropolis. Die ganze
Stadt trug den Tempel, und jetzt wurde er organisches
Haupt und überirdisches Zeichen. Wahrscheinlich haben
die Seefahrer diesen Anblick gewollt und ihm alle anderen
Rücksichten unterworfen. — Der Architekt lag zusammen-
geringelt auf einer Bank des Oberdecks und ließ nicht den
Krimstecher von den Augen, bis der letzte Schimmer des
Marmors verschwunden war. Der Kapitän führte uns zu-
liebe das Schiff hart am Kap Sunion vorbei, aber in die-
ser Entfernung schwieg das Finale.

Ein neues Bild: Einfahrt in den Bosporus. Man sollte
immer nur draußen herumfahren und die Stadt nicht be-
treten. Einem Delacroix, der die großartige Perspektive
entrollte, genügte der Blick auf irgendeine primitive Ab-
bildung, um die Absicht der Natur zu erraten und sie zu
überbieten. Die Türken haben nichts erraten. Sie setzten
wahllos kleine und große Häuser, Moscheen, Minarette
auf das Gelände und beklecksten es, immer nur auf platt-
teste Notdurft bedacht. Kein Haus steht, wie es stehen
müßte. Die Kultbauten häufen sich klumpenweise. Kon-

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