Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DAS ROTE HÄUSCHEN

Sie graben bei den Pyramiden bei Sakkara, in Ober-
ägypten, überall. Es gehört zum Schick amerikanischer
Milliardäre, in der Wüste graben zu lassen, und jede euro-
päische Großmacht unterhält Forscherkolonnen. Man lie-
fert die Funde an das Museum ab und behält, was einem
gelassen wird. Alles in Ordnung. Nur sollte man ein Sy-
stem in die Graberei bringen und das Wichtigste zuerst
nehmen. Das ginge jetzt um so leichter, nachdem überall
im Lande genug mehr oder weniger interessante Bae-
deker-Kreuze für die Bedürfnisse des Touristen aufge-
richtet worden sind. Schon rührt man an den heiklen
Punkt: Was ist dem Forscher wichtiger: Zoser oder Tut-
anchamon, den wir unter uns kurz Tütchen nennen? —
Man sollte zunächst alle Anstrengung auf das Gebiet der
Pyramiden von Gize konzentrieren und vor allem den zur
Cheops-Pyramide gehörenden Tempel ausgraben. Nach
dem Torbau des Chefren zu schließen, der die Diorit-
statuen beherbergte, können von dem Tempel der größten
Pyramide kaum geringere Werke erwartet werden. Den
Platz kennt man. Er liegt unter dem Beduinendorf, und
die Ausgrabung bedingt die Expropriation der Eingebore-
nen, ein kostspieliges aber nicht unerschwingliches Unter-
nehmen.

Wider Erwarten widersprach Babuschka. Sie fand den
Gedanken, das Dorf räumen zu lassen, ungeheuerlich und

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