Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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AKROPOLIS-MUSEUM

Ich schob die Museen aus derselben Faulheit immer
wieder auf, die mir zuerst in Kairo im Wege gewesen war.
Gerade von Athen hatte man gehofft, der eingesperrten
Kunst nicht zu bedürfen. Die Akropolis war wichtiger als
der entführte Inhalt der Giebel und Metopen. Als wir eines
Tages eine große Photographie des Kalbträgers im Institut
sahen, gingen wir hin. Das erste war ein bezauberndes Ba-
rock. Wir fingen nämlich aus Versehen nicht beim An-
fang an, sondern mit dem letzten Saal, dem der Nike-
reliefs. So fiel uns das Schönste zuerst in die Hände. Ich
mag den Niketempel nicht, weder an sich noch ansonst.
Er sitzt auf dem Postament vor den Propyläen wie ein
verlorener I-Punkt, und ich weiß nicht, ob die mit deut-
scher Sorgfalt ausgeführte Rekonstruktion viel Sinn hatte,
da der wichtigste Teil, die Balustrade, fehlt. Plier saßen die
Reliefs. Leider ist sehr viel zerstört. Man muß sich mit zer-
stückelten Körpern ohne Gesichter, mit Fetzen fliegen-
der Gewänder behelfen. Trotzdem schwingt der Stein und
bringt gerade das vom Griechentum, dessen man in diesem
Augenblick am dringendsten bedarf: menschliche Regung.
Die Hände ohne Arme greifen noch lässig in sich selbst
überlassenem Getändel, schlummern in den Falten gleich
glücklichen Kindern. Brüste ohne Körper atmen be-
schwingt. Das am besten erhaltene Sandalenmädchen ist
für alle da und teilt Rhythmen nach allen Seiten aus. Ich

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