Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DAS MITTLERE REICH

Wir haben im Rücherkoffer Ermans Literaturgeschichte
mit. Darin stehen die „Mahnworte eines Propheten“ und
der „Streit eines Lebensmüden mit seiner Seele“, zwei
merkwürdige Papyruszeugnisse über eine finstere Epoche.
Als die sechste Dynastie um das Jahr 2300 zu Ende ging,
muß ein Orkan in Oberägypten ausgebrochen sein und
das Land nahezu zerstört haben. Der friedliche Hinter-
grund der frühen Königsstatuen und der gelassenen Kalk-
steingruppen, der uns eine ideale Familie dichten ließ,
zerreißt und weicht einem ganz anderen Dekor, das auch
dem geprüften Europäer wohl vertraut ist. Plötzlich hört
die Heiligkeit der Könige auf. Man bricht ihre Bilder, zer-
stört die Tempel. Die Ehrfurcht vor den Altvordern kehrt
sich ins Gegenteil um. Die bewunderungswürdige Ord-
nung, die keines Zügels zu bedürfen schien, steht auf dem
Kopf, und das Goldene Zeitalter ist aus. Der Prophet und
der Lebensmüde jammern nicht über einen von draußen
eingebrochenen Feind, der das Land unterwarf. Derglei-
chen wäre weiter nicht erstaunlich, würde uns sogar nach
den friedlichen Reliefs, die keinerlei militärische Vorsorge
verraten, plausibel erscheinen. Die Katastrophe über-
springt alle Skepsis. Der Feind kam aus dem Inneren des
Landes. Der Orkan war sozial.

Ägypten hat uns alles vorgemacht, auch die erste Revo-
lution, und zwar gleich eine mit allen Konsequenzen. Die

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