Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

Page: 305
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AKROPOLIS

Die Fahrt von Haifa nach dem Piräus an der Küste
Kleinasiens entlang dauerte sieben geruhige Tage. Wir
hatten bei Tisch zu Nachbarn zwei Franzosen, von denen
der eine in allen Hauptstädten der Welt gegessen hatte
und noch jedes Menü auswendig wußte. Er residierte in
Tunis, hatte dort Burgundertrauben gepflanzt und besaß
bereits einige Jahrgänge im Keller. „Man glaubte bisher,
die Burgundertraube verliere in jedem anderen Klima.
Solche Legenden entstehen, man weiß nicht wie. Natür-
lich kann man in England keinen Beaune keltern, ob-
wohl sich diese lieben Verbündeten alles mögliche ein-
bilden, aber der Beweis, daß die Traube in Tunis auch nur
das kleinste Atom des Aromas einbüße, ist noch nicht er-
bracht. Wohl verändert sich der Geschmack. Wie sollte
er nicht? Es gibt Leute, nicht die ersten besten, die be-
haupten, er gewinne. Anders mit dem Bordeaux. Mit dem
kann man keine Sprünge machen. Er wird böse, wenn
man ihn auf Reisen schickt.“ — Nachher gestand der Herr
aus Tunis, eigentlich mache er sich aus dein Bordeaux
nicht allzuviel. Burgunder stehe ihm doch näher, und zwar
nicht nur als Dinerwein. Als Dinerwein könne man sogar
dem Bordeaux den Vorzug einräumen, aber nie seiner
selbst wegen.

In Beirut wurde Rindvieh nach Cypern verladen. Eine
ganze Herde stand dicht gedrängt in dem großen Kahn,

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