Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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S A K K A R A

Da wir gestern nicht in Gize waren, fuhren wir heute
hin. Das Museum war ohnehin, wie uns der blonde Doktor
sagte, nur ein paar Stunden offen. Also wurde es noch ein-
mal aufgeschoben.

In Gize verlockte uns ein Chauffeur zur Fahrt nach
Sakkara. Wir hatten bisher die Pyramiden von Sakkara
nur von weitem gesehen. Hübsche Fahrt den Kanal ent-
lang. Die Bewässerungshebel sind heute noch wie vor eini-
gen tausend Jahren. Drollig, dergleichen vom Auto aus
zu sehen. Als käme man von einer anderen Erde.

Irgendwo zwischen Palmen behauptet man, an der
Stelle zu stehen, wo früher Memphis war. Die wenigen
Reste, die beiden gestürzten Kolosse des Ramses, wirken
fatal. Möglicherweise sind sie schön und gehören zu den
Wundern der Kunst. Kein Mensch weiß es. Man kann nicht
auf einer Gestalt herumklettern und sie gleichzeitig be-
trachten. Warum stellt man die Torsos nicht auf? Es ist
genug davon übrig. Sonderbare Kunstpflege! Wenn der
Franzose und die beiden Engländer von neulich zu dem
Betrieb gehören, braucht man sich nicht zu wundern. Lie-
ber sollte man die Kolosse der Besichtigung entziehen,
meinetwegen vergraben. So hätten es Ägypter gemacht.

In der Wüste bei Sakkara zählten wir, ich glaube, zehn
Pyramiden. Weiter war mit ihnen nichts anzufangen. Aber
dann begaben wir uns in ein paar Gräber aus dem Alten

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