Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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KORINTH

VV ir kamen nach langer Eisenbahnfahrt am späten
Nachmittag an und machten noch einen Spaziergang auf
der Chaussee nach dem Kanal. Gerade passierte ein großer
Dampfer, und es sah von weitem genau so aus, als spa-
zierte er über die Straße. Die Landschaft hat hier mehr
Pathos, mehr Linie, ist weniger Idyll. Corot verschwindet,
und Claude komponiert allein. Das neue Korinth dehnt
sich am Meer aus, aber hat sich noch nicht niedergelassen,
steht noch formlos da; eine Improvisation eiliger Siedler,
die morgen wieder Weggehen könnten.

Am anderen Morgen nach dem alten Korinth. Die Stadt
lag schöner als Athen und war ein großes Theater. Der
fast kreisförmige Bergzug umschließt die weit vorsprin-
gende Ebene, eine Orchestra mit dem Meer als Szene und
der Burg Akro-Korinth als Rückwand. Der Tempel stand
am idealen Platz, nicht zu nahe am Meer noch zu nahe
an der Bergwand. Auch heute wirken die noch aufrechten
sieben schweren Säulen, die einzigen Vertikalen des rie-
sigen Terrains, wie eine unentbehrliche Zwischenstufe
zwischen Burg und Meer.

Von den vielen Epochen, die sich mit dem „Quellhaus“
abgegeben haben, war sicher die römische die beste, als
die Rundbogen vor der spielerischen jonischen Wand und
die reizenden Nischen entstanden. Man spürt noch den

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