Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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SANITÄTSGESCHICHTEN

Seit einigen Tagen wohnt Dr. Aller, ein deutscher Arzt,
bei uns, ein auffallend magerer, fahriger Mensch mit ent-
zündeten Augen, der in einer kleinen Stadt bei Minje prak-
tiziert und auf Urlaub nach Europa will; hat sich über-
arbeitet. Es gebe zu viel kranke Schweinigel in Ägypten.
Schweinigel ist sein zweites Wort, das auf kölnischen
Dialekt hinweist. Die Dame aus Krostewitz will nichts von
seinen Geschichten hören, weil es ohnehin Kümmernisse
genug im Leben gebe, was sich nicht bestreiten läßt. Man
ist nicht für die Spezialitäten jedes Pensionärs da, am
wenigsten beim Essen. Dr. Aller hat Ausspannung nötig.
Offenbar redet er nicht, um uns mit seinem Wissen zu im-
ponieren. Ich glaube nicht einmal, daß ihm etwas daran
liegt, gerade uns seine Geschichten mitzuteilen. Ich werde
ihn zu Meyerhof bringen.

Dr. Meyerhof ist unser einziger näherer Verkehr hier,
und nachmittags gehen wir des öfteren auf eine Viertel-
stunde zu ihm. Zwischen zwei Patienten kommt er auf
einen Augenblick in das kleine Privatzimmer, wo wir mit
seiner Schwester sitzen, und zeigt uns einen Teppich von
interessanter Textur oder einen soeben erworbenen kop-
tischen Stoff oder sonst was, redet über Orientalia, über
persische Miniaturen, über Fayencen aus Damaskus, von
denen er eine Scherbensammlung besitzt. Er hat arabische
Dichtungen übersetzt und ist ein Licht unter den Augen-

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