Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DAS OHR DES KÖNIG ZOSER

Ohne zu wollen, gerät man immer tiefer in das Gespinst.
Wir waren in Abusir, bestiegen die zerfallene P}rramide
des Nefererkere aus der fünften Dynastie, von der man
eine schöne Aussicht hat, und krochen nachher zwischen
den Resten der Tempel Sahure und Nehuserre herum, die
Borchardtausgegraben hat. Schwarze Basaltböden mit wei-
ßen Kalksteinwänden, die auf schwarzen Basaltsockeln
stehen. Die Wände waren bemalt. Man kann sich die Wir-
kung vorstellen. Dazu Palmensäulen. Die beiden besterhal-
tenen stehen im Museum im Chephrensaal, runde Schäfte
mit hohen Kapitälen aus Palmenblättern. Die Beziehung
zum natürlichen Vorbild ist unverkennbar, und wenn mir
einer in Europa von solchen Säulen erzählte, wurde mir
unbehaglich, und ich dachte an arabischen Kram. Scheuß-
liche bunte Nachahmungen, mit denen europäische Bau-
meister ägyptischer Säle dem Spiritus loci huldigen, tun
das ihrige. Die Wirklichkeit der Palmensäule ist besser
als ihr Ruf. Das Blatt ist Stein, der Baum ist Säule gewor-
den. Jede peinliche Erinnerung an das Botanische über-
windet der Steinmetz mit seinem Werkzeug. Er stellt die
acht Blätter des Kapitäls mit scharfen Kanten zusammen
und gewinnt genaue Flächen mit geripptem Ornament.
Oben biegen sich die Blätter um und bilden eine Art
Krone. Aus dieser wächst der Abakus, der das Gebälk
trägt, hervor, ein viereckiger Stein, mit dem Ivapitäl aus

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