Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DIE SONNE

Kairo, Mitte November.

Die Epidermis dehnt sich. Üble Stellen des Organismus
trocknen aus und werden aus giftigen Sümpfen zu blü-
henden Gärten. Die Knochen strecken sich, Verschrumpf-
tes wird rund, und die Nieren, von den aktiven Poren ge-
stützt und entlastet, tun sich leicht. Die Funktion der
Haut, von deren Fähigkeiten ich bisher nichts wußte, hat
wesentliche Bedeutung, da sich auf sie die Tätigkeit meines
Individuums beschränkt. Das Hotel ist halb leer. Im gro-
ßen Speisesaal einige Inseln. Eine wird von der ausge-
dehnten Familie Behn aus Berlin geräuschvoll bevölkert.
Verloren im Meer der Stühle Mr. Coolman aus Baltimore,
ungeheuren Umfangs und düster. Näher zu uns eine alte
Ziege aus Paris mit einem sehr jungen, ewig lächelnden
Dandy. Noch ein paar summarische Engländer an der
Längswand, die das Kraut nicht fett machen. Die Leere
entspricht unserm Innern. Obwohl wir uns dem Segen der
Sonne hingeben und durchaus kein Grund vorliegt, uns
benachteiligt zu fühlen, vermissen wir. Leer und warm ist
der Zustand. Behn und Genossen scheinen auf die neue
Umgebung nur die denkbar windigsten Konventionen ge-
wohnter Milieus zu übertragen und verharren durchaus
passiv, wenn man nicht etwa die Beziehungen der Ziege
zu dem lächelnden jungen Mann, der nachts nichts zu

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