Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DIE SONNE

lachen hat, als Aktion gelten lassen will. Wir wärmen uns
und behalten Zeit übrig, probieren Zigaretten und nehmen
keine Zeitung in die Hand. Die Wärmeaufnahme bleibt
insofern abstrakt, als kein Gegensatz sie fördert oder stört.
Nach drei Tagen vergißt man, daß es einmal kalt war, und
müßte eigentlich von etwas anderem reden, aber es fällt
uns nichts ein. Es gibt hier merkwürdige Dinge, vermutlich
voll von Möglichkeiten der Erkenntnis und des Genusses,
mit deren Hilfe man die innere Temperatur zu steigern
vermöchte. Ich weiß nicht, was uns abhält. Vermutlich die
Sonne. Die Sonne steht zwischen uns und den Dingen. Ich
bin noch nicht in Ägypten, sondern nur in einem Klima
und reguliere mein Leben nach der Hotelordnung. Höch-
stens werde ich mit Behns und dem Menschen aus Balti-
more vertraut. Im übrigen sitze ich mit Babuschka, sieben
Koffern und einer Vergangenheit da und sehe zu, wie sich
meine Haut dehnt und meine Knochen strecken. Natürlich
müßte das geringste Maß von Dankbarkeit einen zwingen,
das Gnadengeschenk kniend zu empfangen, doch kommt
irgendeine Form der Empfängnis nicht in Betracht. Man
nimmt die Sonne nicht, sondern wird von ihr genommen,
als Kuli, als Epidermis, und natürlich bleiben Reste aus
einer persönlicheren Epoche, die reich an üblen Dingen,
aber tätiger war. Der physiologische Zauber hängt mir wie
ein fertig gekaufter Anzug um die Glieder, und ich fühle
mich darin etwas komisch. Irgendwo steckt noch ein Stück-
chen Eis, das sich trotz aller Sonne nicht lösen will und
den Widerstand als Ehrensache betreibt. Das ist natürlich.
Angenommen, ich hätte mich jahrelang ohne Beine behol-
fen, dabei zahllose Bücher gelesen und ein sitzendes, aber
geistiges Dasein geführt. Plötzlich bekomme ich mein Pie-
destal zurück. Nun lauf! Natürlich Gnadengeschenk, aber
welcher Umstand! Vorher saß ich still, hatte Maß und
Ordnung, und wer nicht zufällig unter den Tisch sah,
merkte nichts. Wer aber etwas merkte, bewunderte mich

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