Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DIE FAMILIE IM MUSEUM VON KAIRO

Im ersten Saal des Museums, dem Saal der Dioritstatue
des Chefren, gibt es unter vielen, viel zu vielen Meister-
werken eine Gruppe in Kalkstein, die man unter Glas
gestellt hat, unser Stück. Wir nennen es die Familie. Na-
türlich zieht uns auch vieles andere in den Saal, vor allem
die Dioritstatue, und wenn der Raum nichts anderes als sie
enthielte, wäre es schon genug. Die Größe dieses Werkes,
obwohl immer zugänglich, schließt das aus, was uns mit
der „Familie“ verbindet. Die Chefrenstatue trägt den
Hauch des Tempels, nicht gerade unbedingt den des ern-
sten Torbaus aus roten Granitquadern, wo sie mit ihren
Wiederholungen vor den Pfeilern stand und sehr gut
stand, aber den Hauch des Tempelhaften überhaupt. Sie
ist Monument. Unsere Familie kann man, bildlich ge-
sprochen, mit sich nehmen. Der Glaskasten ist wenig über
einen Meter hoch, und obwohl die Gruppe wie alle anderen
dem Kult geweiht war, läßt sie eine Art von Reziehungen
zu, die man ohne Dreistigkeit intim nennen könnte. Es
gibt solche Werke. Meistens rächt sich die schnelle An-
bändelung über kurz oder lang, und man kommt an die
Grenze. Werke, die sich schnell geben und auf die Dauer
festhalten, sind höchst selten.

Überdies gehört die Familie zu den wenigen kleineren
Stücken des Saals, die man gut sehen kann. Der Glaskasten
steht frei. Eine Gruppe von vier Menschen nebeneinander,

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