Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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ASSUAN

Ende Dezember

Wir sind vorgestern in einem Rutsch hierher gefahren
und lassen Luxor für den Rückweg. Der Gedanke,
ein zweites Kairo mit allen möglichen Tempeln und Ge-
schichten zu finden, nachdem wir mit dem ersten kaum
angefangen hatten, schreckte uns, und wir gedenken eine
Weile ohne Kunst zu wirtschaften.

Ich bin nicht jung genug für dieses Massenerlebnis.
Ägypten hätte man in der Zeit haben müssen, als man das
erstemal nach Italien ging, aber freilich wäre einem nach-
her die Geduld für manche Offenbarung in Rom zu knapp
geworden. Jetzt soll man einem immer wieder auf gestock-
ten vertrackten Gebäude mit zahllosen Hinterhäusern ein
neues Fundament unterlegen. Eigentlich sind wir von
Kairo ausgerissen.

Hier lebt man in der Sommerfrische. Wir wohnen nicht
in üppigem Katarakt, sondern im Grand Hotel, dessen Lage
uns der Notwendigkeit enthob, die Wahl von materiellen
Erwägungen abhängig zu machen. Es gibt Leute, die den
Rück von der Terrasse des Katarakt bevorzugen; eine
Schätzung, die weniger von der Gegend, als von sozialem
Vorurteil und einem über Leichen gehenden Komfortbe-
dürfnis bestimmt wird. Man kann dort, wenn die Zimmer
nach vorn gehen, vom Rett oder von der Radewanne aus
den Kataraktblick haben. Es ist zwar nicht der richtige

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