Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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DIE MENSCHEN DER PYRAMIDEN

Es gibt die Menschen des alten Ägypten in verschiede-
ner Aufmachung, teils als Standbilder, teils als Mumien.
Man erlebt hier unvorhergesehene Dinge und hat zuweilen
Mühe, seinem Gesicht den Ausdruck von penetranter
Langweile zu erhalten, der zu einem ordentlichen Mu-
seumsbesucher gehört. Der Trick mit den Mumien über-
trifft alle Einfälle moderner Filmphantasie. Stellen Sie
sich vor: im Parterre verschiedene Statuen des großen
Ramses; im ersten Stock säuberlich unter Glas die Leiche
desselben Herrn. Die Sensation klettert Wände hinauf.
Die ausgepackten Mumien sind zweifellos echt und mit
voller Sicherheit bestimmt, aber man kann sie nicht ge-
rade schön nennen. Sie haben für ihr Alter erstaunlich
gut, aber doch nicht so gut gehalten, daß man Reziehungen
zu ihnen wünschen möchte. Ich muß sogar sagen, sie sind
die größte Scheußlichkeit, die mir je in einem Kunstinsti-
tut vor Augen gekommen ist, und das will etwas heißen.
Und wenn das Kunstinstitut von Kairo nicht ein unge-
heuerliches Magazin, sondern ein Museum wäre, müßte
man im Interesse der Resucher den Einfall, in einem Lo-
kal Kadaver und Kunstwerke vorzuführen, ablehnen.
Doch kann man sich mit solchen Kleinigkeiten hier nicht
aufhalten.

Wir haben die Menschen der Pyramiden gesehen, den
Chefren, den Mykerinos, Ti, den Raumeister, und viele

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