Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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MUSEUM UND KUNST

Heute, nachdem längst die Überlegenheit Chinas über Ja-
pan feststeht und der nichts weniger als unbegrenzte Wert
jener spätjapanischen Holzschnitte erkannt wurde, ist
doch jene Frucht der Invasion zu einem Bestandteil Euro-
pas geworden. Als die Kunstgeschichte die ernsthafte Aus-
einandersetzung mit Ostasien begann, hatte die Malerei
ihre Wahl längst vollzogen. Eine besser wertende Archäo-
logie hätte in diesem Fall kaum geholfen. Die Kunst um
1870 bedurfte einer Verdünnung, um ihren flüchtigen Ob-
jekten folgen zu können und farbiger zu werden. Das gab
ihr Japan.

Künstler fehlen in Ägypten. Sie allein könnten die Ver-
einigung erzwingen und den Fund dem Blute Europas zu-
führen. Kein Künstler wird hier kalt bleiben. Ist die
Leidenschaft stark genug? Unsere Kunst hat sich in Eklek-
tizismus übersättigt, und die Ausdehnung nach allen Bich-
tungen hat den Leib dünn gemacht. Heute bedürfte sie
nicht einer Verflüssigung, sondern eher eines entgegen-
gesetzten Mittels, und dies wäre wohl in der Statik der
Ägypter zu finden. Jede Architektur, mag sie auch noch
so sehr an Nutzbauten gefesselt sein, kann von den Pyra-
miden lernen. Sie scheinen mir das klassische Material
jeder modernen Beziehung zum Bau und müßten längst
ganz allgemein die griechisch-römischen Vorbilder zurück-
drängen, nicht um der Nachahmung, sondern um der
Gymnastik des Geistes zu dienen. Im übrigen aber verbirgt
sich die Stelle, wo der Funke zünden könnte. Unsere
Plastik, die vor allem den Beiz empfangen müßte, hat
kaum noch Führer, und die Verarmung an schöpferischer
Kraft hat sie am schwersten getroffen. Die Wissenschaft
gräbt allein. Womöglich sind doch die Ägyptologen die
letzten Erben.

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