Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

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MITTLERES REICH

zahlreichen Einzelheiten in den beiden Schriften betonen
immer wieder die gewaltsame Umkehrung der sozialen
Struktur, zumal des früheren Unterschieds zwischen arm
und reich. Die Erinnerung an die französische Revolution
gäbe ein falsches Bild. Der Orkan wütete nicht gegen einen
Stand, sondern gegen alle besitzenden Stände. Eher muß
man sich, so scheint es wenigstens, eine Art von roter
Schreckensherrschaft vorstellen, wie sie dem bolsche-
wistischen Regime voranging. Nicht besondere Vorrechte
werden abgeschafft, sondern jedes Recht. Es gibt keinq
Gerichte mehr. Man raubt und plündert. Die Reichen bet-
teln und die Armen liegen auf seidenem Pfühl. Es gibt
„keinen Menschen von gestern“ mehr. Fremde haben sich
eingeschlichen, und die Frechheit herrscht. Der Bruder
geht gegen den Bruder, der Sohn gegen den Vater. Mord
ist überall, und im Nil fließt Blut.

Viele Verstümmelungen früher Statuen stammen aus
jener Zeit. Nach ihrer Wüstheit kann man sich die Wut
der Revolutionäre vorstellen. Es sollte kein Bild des Alten
übrigbleiben. Der Orkan muß ein Rausch von Zerstörung
gewesen sein und ist kaum mit der Emanzipation mäch-
tiger Adelsgeschlechter gegen die Gewalt des Königs, dem
einzigen, bekanntgewordenen Anlaß der Bewegung, zu er-
klären. Er wirft einen Schatten auf die vorangegangene
Epoche.

Die langen Zeiträume, mit denen man in der Geschichte
Ägyptens rechnet, legen die Versuchung nahe, sich das
Temperament des Volkes gemäßigt zu denken, und diesen
Gedanken unterstützt die Indolenz der heutigen Bevölke-
rung. Die Art der frühen ägyptischen Kunst widerspricht.
Das Triebleben einer Volksgemeinschaft, das die Werke
des Alten Reiches hervorgebracht hat, muß höchst unge-
wöhnlich gewesen sein. Keine Kunst, die über das Orna-
ment hinausgeht, gedeiht bei langsamem Pulsschlag, und
das Wort, das den Frieden und die Musen zusammentut,

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