Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

Page: 141
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DER STEIN DER PYRAMIDEN

erster Sonntag in Ägypten. Der alte Rennebaum brachte
uns in die Steinbrüche. Da der Stein im Innern des Berges
am weichsten war und am höchsten geschätzt wurde,
höhlten die Ägypter das Gebirge, und es entstanden saal-
artige Felsenräume von großer Ausdehnung. Man ließ
Pfeiler stehen, um die Gesteinsmasse zu stützen, und
um die Pfeiler bildeten sich bogenartige Ausbuchtungen
ins Freie. Diese halbnatürlichen Architekturen haben
phantastischen Schwung. Alles, was diese Pyramiden-
menschen berührten, wurde groß. Man sieht noch ange-
fangene parallele Schläge, wie durch Butter geschnitten,
und die Löcher, in denen Leute bei der Arbeit die Lampen
befestigten. Nachher gab es eine blendende Aussicht auf
Kairo, und im schönsten Augenblick erklärte der alte
Rennebaum den Weltkrieg für die größte Gemeinheit der
anderen gegen uns, und ohne den Dolchstoß von hinten
wären wir mit allen fertig geworden.

Oft schon hatten wir eine Wiederholung des Ausflugs
geplant. Da der alte Rennebaum, seines Zeichens Archi-
tekt, mit Bauten zu tun hatte, versprach uns Dettenberg,
der Nationalökonom, der damals auch dabei gewesen war
und den Mokattam wie seine Tasche zu kennen behaup-
tete, die Führung. Wir müßten aber nach Meadi kommen,
wo er des Sonntags zu speisen pflegte. Von dort werde er
uns einen ganz herrlichen Weg führen. Wir waren damals
über die Zitadelle gegangen, und mir kam es mehr auf den
Mokattam als auf den Weg an, aber so mochte es auch
recht sein.

Meadi ist eine frischgebackene, oasenhafte Villenkolo-
nie im Süden Kairos, meist von Engländern bewohnt. Die
Bäume wachsen hier zusehends. Am äußersten Ende liegt
in einem schönen Garten eine Filiale unseres Hospiz. Von
hier ging es querfeldein der Höhe zu. Vor uns in der Ferne
die Zitadelle mit der Mohamed-Ali-Moschee. Sobald man
die Moscheen nicht für Architektur, sondern lediglich als

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